Vitamin-B12: Sind Frühmarker des Mangels diagnostischer Firlefanz?

Autor: Dr. Dorothea Ranft

Der Vitamin-B12-Mangel wirft weiterhin einige Fragen auf. © fotolia/natchas

Die Diskussion um Vitamine werde nicht mehr von Wissenschaftlern geführt, sondern von Verbraucherverbänden und Lebensmittelherstellern, moniert ein Schweizer Kollege. Er plädiert deshalb in der Vitamin-B12-Debatte für ein gesundes Maß an Skepsis.

Schon bei der Antwort auf die Frage, wie viel Vitamin B12 der Mensch braucht, tut man sich schwer. Zwar haben die Fachgesellschaften von Deutschland, Österreich und der Schweiz gemeinsame Empfehlungen für Referenzwerte herausgegeben, schreibt Dr. Peter Lodemann, Analytica Medizinische Laboratorien in Zürich. Diese wollen sie sich aber mit 35 Euro bezahlen lassen. „Scheinbar möchte oder kann man dies nicht gratis zur Verfügung stellen“, kritisiert der Labormediziner. Er bezieht sich daher lieber auf die übergeordneten europäischen Leitlinien „Dietary Reference Value for Co­bal­amin (Vit­amin B12)“, die die European Food Safety Authority kostenlos als Download bereitstellt.

Nach Ansicht des Kollegen gibt es in der Vitamin-B12-Diagnostik zwei Kernprobleme: Zum einen streiten sich Experten darüber, ob vermeintliche Bio-Frühmarker wie Holotranscobalamin („aktives“ B12, s. Kasten) einen potenziellen Mangel überhaupt zuverlässig anzeigen. Zum anderen sieht man sich dabei mit methodischen Problemen konfrontiert, etwa unterschiedlichen Assays und Analyzern. In Dosis-Response-Studien kommt es so zu „variablen“ Ergebnissen, aus denen Forscher wiederum unsichere Referenzbereiche und Cut-off-Werte ableiten, konstatiert Dr. Lodemann. Und auch wenn die statistische Verteilung für „Gesunde“ inzwischen gut charakterisiert ist, bleibt die Frage: Wann sind die Werte pathologisch?

In Vitamin B12 steckt mehr drin

Beim Vitamin B12 handelt es sich keineswegs um eine Einzelsubstanz, sondern um eine Gruppe chemisch ähnlicher Moleküle. Diese Cobalamine sind in der Nahrung meist an Proteine gebunden, im Plasma hängen 10–30 % an Transcobal­amin. Die Sättigung von Transcobalamin mit Cobalamin liegt bei 5–20 %. Dieser Anteil, das Holotranscobalamin, wird als „biologisch aktive“ Form bezeichnet.

Spezifische Frühsymptome eines Defizits fehlen

Erschwerend hinzu kommt die Tatsache, dass klinische Manifes­tationen erst spät (teilweise nach Jahren) auftreten, spezifische Frühsymptome praktisch komplett fehlen und man die Abläufe des Cobal­aminstoffwechsels bislang noch nicht vollständig entschlüsselt hat.

Trotz ausgeprägter enteraler Reabsorption verliert der Mensch täglich 0,1–0,2 % des Vitamins. Ein Mangel an Cobalamin führt zu einer verminderten Synthese von Methio­nin und S-Adenosyl-Methio­nin. Klinisch äußert sich das in einer megaloblastären Anämie sowie in neurologischen und kognitiven Störungen bis hin zu Demyelinisierungssyndromen. Welche mikro­strukturellen bzw. funktionellen Veränderungen sich durch eine Unterversorgung mit Cobalamin ergeben, ist noch nicht beschrieben. Jedoch lässt sich bereits jetzt erkennen, wie notwendig es ist, dem Defizit auf die Spur zu kommen.

Zunächst Gesamt-B12, dann einzelne Marker bestimmen

Was bedeutet das für die Laborpraxis? Dr. Lodemann rät, bei Patienten ohne spezifische Klinik zunächst das Gesamtcobalamin zu bestimmen (untere Grenze: 100–400 pmol/l). Liegt der Wert unter der 5%-Perzentile einer gesunden Vergleichskohorte, sollte man die „Frühmarker“ Cobalamin, Holotranscobalamin, Methylmalonsäure und Homocystein kombiniert erfassen.

Quelle: Lodemann P. internistische praxis 2018; 59: 735-740