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Extremfrühgeborene Wann lebenserhaltend vorgegangen werden soll, wird je nach Land unterschiedlich gesehen

Autor: Stephanie Käufl

Er gibt jedoch zu bedenken, dass bei etwa der Hälfte der vor der 24. Schwangerschaftswoche geborenen Kinder mit erheblichen kognitiven Defiziten gerechnet werden müsse. Er gibt jedoch zu bedenken, dass bei etwa der Hälfte der vor der 24. Schwangerschaftswoche geborenen Kinder mit erheblichen kognitiven Defiziten gerechnet werden müsse. © iStock/IvanJekic
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Der medizinische Fortschritt schiebt die Grenze der Lebensfähigkeit von Frühgeborenen kontinuierlich hinaus – bis hin zu Geburtsgewichten unterhalb von 400 Gramm. Aber ist das technisch Machbare auch gut fürs Kind?

Extrem unreif geborene Kinder, die im Gestationsalter von 22 Wochen zur Welt kommen, überleben in Deutschland in 15 % der Fälle. In Schweden sind es 30 %, in Japan über 40 %. In Frankreich hingegen, den Niederlanden oder in der Schweiz bleiben solche Extremfrühgeborene nur in Ausnahmefällen am Leben, berichtet Prof. Dr. Christoph Bührer von der Charité – Universitätsmedizin Berlin. Grund für die unterschiedlichen Überlebensraten sind im Wesentlichen die unterschiedlichen Ansichten in den einzelnen Ländern, wann lebenserhaltend vorgegangen werden soll und wann nicht, erläutert der Neonatologe in einem Übersichtsartikel.

Neben dem Gestationsalter ist das Geburtsgewicht der Kinder entscheidend für die Prognose. Es gibt nur sehr wenige Frühchen mit einem Gewicht unterhalb von 400 g, die die Klinik lebendig verlassen konnten. Ein entsprechendes US-amerikanisches Register zählt weltweit lediglich 283 Einträge. 80 % der dort erfassten Kinder kommen aus nur drei Ländern: Japan, den USA und Deutschland.

Anders als bei der Überlebenswahrscheinlichkeit habe man in den vergangenen 30 Jahren kaum etwas an der Entwicklungsprognose der Extremfrühgeborenen verbessern können, schreibt Prof. Bührer. Lediglich 35 % der Kinder, die in Deutschland zwischen 2014 und 2016 in der 23. oder 24. Schwangerschaftswoche zur Welt kamen, wiesen als Zweijährige einen Entwicklungsquotienten (s. Kasten) von 85 oder höher auf und waren ohne größere Beeinträchtigungen. Bei 26 % lag dieser Wert zwischen 70 und 84, bei 35 % befand er sich unterhalb von 70. Untersuchungen in Schweden liefern ähnliche Ergebnisse.

Weniger Zerebralparesen nur bei reiferen Frühchen

Trotz des medizinischen Fortschritts blieb zwischen 1980 und 2003 die Häufigkeit von Zerebralparesen bei Frühgeborenen unter 1.000 g konstant, während sie sich bei denjenigen mit einem Geburtsgewicht von 1.000 bis 1.500 g halbierte. In Großbritannien zeigten Kinder mit einem Gestationsalter von maximal 26 Wochen als Elfjährige sowohl 1995 als auch 2006 das gleiche durchschnittliche Defizit beim Intelligenzquotienten von 20 bis 25 Punkten. Ähnlich sieht es bei japanischen Extremfrühchen aus, die im Zeitraum 2003 bis 2012 mit einem Gewicht unter 500 g geboren wurden. Der Anteil an Kindern, die ohne größerere Beeinträchtigung überlebten (Entwicklungsquotient ≥ 85), lag über die Jahre hinweg konstant bei 20 %. Ein Überleben Extremfrühgeborener ohne größere Einschränkungen ist möglich, schreibt der Berliner Neonatologe. Er gibt jedoch zu bedenken, dass bei etwa der Hälfte der vor der 24. Schwangerschaftswoche geborenen Kinder mit erheblichen kognitiven Defiziten gerechnet werden müsse.

Mit Defiziten ist zu rechnen

Der Entwicklungsquotient (EQ) liefert eine Aussage darüber, ob sich ein Kind altersgerecht entwickelt oder nicht. Er errechnet sich als Relation von Entwicklungsalter zu Lebensalter, wobei der Wert 100 die Norm abbildet. Ein EQ > 100 bedeutet eine beschleunigte, ein EQ < 100 eine retardierte Entwicklung.

Erhöhtes Risiko für autistische Verhaltensstörungen

Dazu komme ein deutlich erhöhtes Risiko für autistische Verhaltensstörungen sowie für Aufmerksamkeitsprobleme. Ob angesichts all dieser Risiken das Überleben extrem Frühgeborener tatsächlich im Interesse der Kinder ist, wird von Eltern, Ärzten und der Gesellschaft in den jeweiligen Ländern unterschiedlich bewertet, schreibt Prof. Bührer.

Quelle: Bührer C . Monatsschr Kinderheilkd 2021; 169: 1122-1132; DOI: 10.1007/s00112-021-01294-7

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