Wartet der Diabetes vor der Haustür?

Autor: Michael Brendler

Entlaubungsmittel und andere hormonaktive Stoffe scheinen wirklich Auslöser für Diabetes zu sein. © fotolia/vladimirfloyd; fotolia/rdnzl

Dass bestimmte endokrin aktive Umweltchemikalien den Stoffwechsel durcheinander bringen, klingt logisch. Beweisen lässt sich das jedoch schwer. Einige Substanzen dürften das Diabetesrisiko aber tatsächlich erhöhen.

Eigentlich könnte man es als Beweis ansehen: Gleich mehrere Studien zeigen, dass eine Dioxin­belastung bei Vietnamveteranen, die das Gift mit dem Entlaubungsmittel „Agent Orange“ aufgenommen hatten, mit einer erhöhten Diabetesrate einherging. Doch so einfach ist es nicht, schreiben Dr. P. Monica Lind und Professor Dr. Lars Lind von der Universität Uppsala. Denn in Tierexperimenten bewirke die Chlorverbindung genau das Gegenteil: Sie senkte den Blutzuckerwert. Das ist nur ein Beispiel, das zeigt: Klare Antworten zu finden, ist schwer.

Noxen-Kombi könnte jeden achten Diabetes bedingen

Immerhin konnten die Forscher im vergangenen Jahr mit einer prospektiven Untersuchung an Senioren zeigen, dass die Kombination verschiedener hormonaktiver Substanzen in einer belasteten Bevölkerung für 13 % aller Diabeteserkrankungen verantwortlich sein kann.

Diese Erkenntnis decke sich mit den Ergebnissen von anderen prospektiven epidemiologischen Studien, die immer wieder einen Zusammenhang zwischen polychlorierten Biphenylen (PCB) und dem Pestizid Dichlordiphenyltrichlor­ethan (DDT) einerseits und Diabetes andererseits gezeigt hätten. Etliche kürzere Querschnittstudien deuten zudem auf ein erhöhtes Risiko auch durch Dioxine und Bisphenol A hin. Bei anderen endokrinen Disruptoren wie den Phthalaten, bromierten Flammschutzmitteln sowie per- und polyfluorierten Alkylverbindungen fänden sich hingegen, so die Experten, bis heute keine überzeugenden Hinweise darauf, dass sie einen Diabetes fördern würden.

Prospektive Studien müssten 60–70 Jahre laufen

Um derartige Zusammenhänge tatsächlich beweisen zu können, wären letztlich randomisierte Studien notwendig. Nur sind die mit den giftigen Substanzen natürlich nicht durchführbar. Ähnliches gilt auch für längere prospektive Untersuchungen, die 60 bis 70 Jahre laufen müssten. Um eine Kausalität zu belegen, sei es deshalb entscheidend, die epidemiologischen Befunde durch Tierversuche zu stützen, schreiben die beiden Autoren. In diesen Experimenten erwiesen sich jedoch weder Dioxine noch PCB als diabetogen. DDT und Bisphenol A fördern dagegen auch bei Nagern die Entwicklung einer Zuckerkrankheit. Inzwischen deuten also verschiedene Studien auf den Zusammenhang zwischen endokrinen Disruptoren und Diabetesentstehung hin, schließen die Autoren.

Quelle: Lind PM, Lind L. Diabetologia 2018; 61: 1495-1502