Warum Sie sich mit Autismus auseinandersetzen sollten

Autor: Dr. Sascha Bock

Autisten handeln und reagieren anders als andere Patienten. © freshidea – stock.adobe.com

„Ich habe eine Erkältung und will jetzt ein Blutbild, eine CRP-Bestimmung und dann schaust du mir noch in den Hals.“ Ein alltäglicher Patient, mag der ein oder andere jetzt denken. Doch diese Aussage beschreibt das klassische Verhalten eines Autisten.

Immer öfter greifen Medien das Thema Autismus-Spektrum-Störung auf – nicht zuletzt wegen des Asperger-Syndroms der Klimaaktivis­tin Greta Thunberg. Und so kommt es, dass sich in der Sprechstunde von Anke Richter-Scheer aus Bad Oeynhausen vermehrt Personen vorstellen, die bei sich oder bei Angehörigen eine autistische Veranlagung zu erkennen glauben.

Tatsächlich steigen die Diagnose­raten sowohl im Kindes- und Jugendalter als auch bei Erwachsenen deutlich an, erklärte die niedergelassene Internistin, die in ihrer Praxis viele Autisten betreut. Warum man im hausärztlichen Bereich an die Störung denken sollte: Erst nach 1990 wurde sie im internationalen Klassifikationssystem verankert. Einige Patienten wissen also bis heute nichts von ihrer Erkrankung. Die dia­gnostische Lücke betrifft laut Anke Richter-Scheer diejenigen, die vor 1975 geboren wurden. Autismus ist aber nicht gleich Autismus.

Das Symptomspektrum umfasst soziale Defizite, begrenzte Interessen, stereotypes Verhalten sowie kommunikative Beeinträchtigungen. Bei der klassischen frühkindlichen Störung beispielsweise überschneiden sich all diese Bereiche. Menschen mit Asperger-Syndrom dagegen haben keine kommunikativen Defizite und eine normale bis überdurchschnittliche Intelligenz.

Bei konkretem Verdacht gleich zum Spezialisten schicken

Hausärzte müssen sich in erster Linie um die komorbiden somatischen und psychischen Leiden kümmern. „Die Diagnostik können wir uns abschreiben“, betonte die Kollegin. Sogar Kinder, für die es standardisierte Beobachtungs- und Anamnese­instrumente gibt, sollte man bei einem konkreten Verdacht gleich zum Spezialisten schicken. Auf Erwachsene lassen sich derartige Tests kaum übertragen, zu unspezifisch sind sie. In diesem Alter eine Erstdiagnose zu stellen, gestaltet sich sehr schwierig. Oft dauert es mehrere Monate oder sogar Jahre.

Im Umgang mit Autisten gilt es einige Grundregeln zu beachten. Woran man sich nicht stören darf: Sie verhalten sich häufig unsensibel und meiden Blickkontakt. Ihnen fehlt die Fähigkeit zur „Mentalisierung“ von Gefühlen oder Absichten anderer (Empathie, Perspektiv­übernahme). Zudem Duzen sie den aufgesuchten Arzt regelmäßig, so die Erfahrung von Anke Richter-Scheer.

Autisten brauchen Zeit zum Antworten

Schon die Konsultation wegen einer banalen Atemwegsinfektion kann den Behandler vor Probleme stellen. Der eine Patient fokussiert sich auf die Erkältung und fordert ohne Umschweife bestimmte Untersuchungen ein. Der andere ist schüchtern und antwortet auf die erste Frage, wenn man gerade die sechste gestellt hat, führte die Kollegin aus. „Dann hat nicht er sich falsch verhalten, sondern ich.“ Denn Autisten brauchen Zeit. Anke Richter-Scheer hat mitunter schon 45 Sekunden auf eine Antwort warten müssen. Deshalb:

  • Pausen lassen
  • einfache Fragen formulieren, z.B. „Wo sind die Schmerzen?“
  • geschlossene Fragen stellen, z.B. „Geht’s gut?“
  • kein Smalltalk

Mit überschwänglichen Aussagen wie „Mensch, ist das nicht ein tolles Wetter heute“ können die Patienten nichts anfangen. Je nach Ausprägung des Autismus fällt es ihnen schwer, den Alltag zu bewältigen. Handlungsplanung und -überprüfung (Exekutivfunktionen) sind unabhängig vom Intelligenzniveau beeinträchtigt. Eine Reizüberflutung sollte daher vermieden werden.

Da viele Betroffene sich auf Rituale fixieren, begegnet man ihnen in der Praxis am besten mit wiederkehrenden Mustern. Das beinhaltet eine routinierte Begrüßung – z.B. immer mit Handschlag oder immer mit einem Schulterklopfer. Außerdem hilft es, wenn bei jedem Termin derselbe Mitarbeiter Blut abnimmt. Ein weiterer Tipp: Autisten rechtzeitig informieren und Untersuchungen ankündigen. Wer zum Auskultieren einfach den Rücken des Patienten frei macht, könnte eine unerwartete Abwehrreaktion auslösen.

Quelle: 44. practica Bad Orb