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Wie soziale Medien abhängig machen

Autor: Friederike Klein

Viele Social-Media-Nutzer sind hungrig nach Anerkennung. Viele Social-Media-Nutzer sind hungrig nach Anerkennung. © iStock/Prostock-Studio
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In der digitalen Welt können nicht nur Online-Spiele und Internet zu einem suchtähnlichen Kontrollverlust führen. Auch soziale Medien bergen solch eine Gefahr. Ein Grund: die (Selbst-)Vermessung in Form von Visitors, Likes und Shares.

In der digital optimierten Gesellschaft wird quantifiziert – durch Besucherzahlen, Zustimmung, Ablehnung und Grad der Weiterverbreitung in den sozialen Medien sowie durch tracken der eigenen körperlichen Leistung via Apps. Im Projekt „Das vermessene Leben“ untersucht derzeit eine Forscherguppe an den Standorten Frankfurt/Main, Berlin und Jena, welche produktiven und kontraproduktiven Folgen solch eine Vermessung des Selbst hat.

Eine klare Festlegung, ab wann die Nutzung von YouTube, Facebook, Instagram, Twitter usw. oder auch von Partnerbörsen pathologisch wird, kann aus den gewonnenen Daten allerdings nicht resultieren. Die Art der Nutzung muss im Zusammenhang mit dem insgesamt veränderten gesellschaftlichen Verhalten gesehen und darf nicht per se pathologisiert werden, erklärte Micha Schlichting, Soziologe am Siegmund-Freud-Institut in Frankfurt.

Irgendjemand wird immer besser sein als man selbst

Im Zuge der Digitalisierung verbreiten sich Methoden des Messens, Bewertens und Vergleichens rasant. Beständig werden vom Einzelnen neue Anpassungsleistungen gefordert, die (Selbst-)Optimierung erfolgt über Zahlen. Jedem Nutzer von sozialen Medien ist es möglich, sich mit unendlich vielen anderen zu vergleichen – und natürlich wird er immer von irgendjemandem übertroffen werden. Die ständige Präsenz der Zahlen birgt die Gefahr eines instrumentalisierten Verhältnisses zu sich selbst, zu anderen und zum eigenen Körper, warnte Schlichting.

Vor dem Hintergrund der individuellen biographisch-psychologischen Charakteristika kann eine Dynamik entstehen, die zu suchtähnlichem Verhalten führt. Als Beispiele nannte Maike Stenger, Psychologin am Siegmund-Freud-Institut, zwei Muster: Konformität und Entfremdung auf der einen und Affirmation auf der anderen Seite.

Bei mangelnden Likes muss man den Auftritt ändern

Konformität und Entfremdung entstehen, wenn man sich bei der Auswahl der eigenen Posts, also von Bildern, Videos oder Texten, an den „Likes“ orientiert und entsprechend sein Verhalten ändert. Der Nutzer reagiert konform zur Masse. „Wir werden nie satt von solchen Sachen, man ist immer hungrig nach den Likes“, erklärte ein junger Mann im Interview. Bei mangelnden Likes müsse man an seinem eigenen Auftritt etwas ändern.

Seine Wünsche nach Kontakt und Nähe konnten die sozialen Medien aber nicht erfüllen. Nach dem scheinbar kontrollierten Aufbau von Beziehungen, von Ansehen und Akzeptanz kam es zunehmend zu einem Kontrollverlust, berichtete der Proband. Die Verfügbarkeit von unendlich vielen Nachrichten, Bildern, Videos führte bei ihm zu einer passiv-konsumierenden Weltflucht, die einen suchtartigen Charakter annahm. „Man hört nicht auf, in den Känalen zu scrollen.“

Durch Selftracking zum Autonomieverlust

Die Selbstvermessung durch Tracking-Apps (z.B. Schrittzähler) kann einerseits Ansporn sein zu mehr Aktivität, andererseits aber auch zum Autonomieverlust führen, wenn die Zahlen den Mensch kontrollieren und das Verhalten an die Messergebnisse angepasst wird. Das zwanghafte Fokussieren auf bestimmte Parameter des Gesundheitsverhaltens sei bei den „Selftrackern“ verbreitet, meinte Maike Stenger. Die Grenzen zwischen dem Normalen und dem Suchtartigen/Pathologischen würden letztlich verschwimmen. Allerdings dürfe nicht allgemein oder kausal eine Suchtgefahr abgeleitet werden.

Das Affirmationsmuster verdeutlichte Stenger anhand von zwei weiteren Beispielen: Ein sehr leistungsorientierter Mann berichtete im Interview über eine Haltung, die sowohl im Beruf als auch im Privatleben auf Gratifikationen zielte. Beziehungen mussten gemanagt werden. „Likes“ seien für ihn Hinweise auf Anerkennung und eine Art Qualitätsindikator.

Ein anderer Mann gab an, Datingplattformen zunehmend exzessiv zu nutzen. Nicht aber, um wirklich eine Frau kennenzulernen, sondern um möglichst viele „Matches“ zu sammeln. In dem Gefühl, dass ständig weitere Frauen verfügbar seien, lasse er sich auf keine einzige mehr wirklich ein. Seine Sucht habe dazu geführt, dass er sein Handy nicht mehr zur Seite legen könne. Die große Zahl potenzieller Partnerinnen ermöglicht, dass Ablehnung beherrschbar wird bzw. bewältigt werden kann, erläuterte die Psychologin. Das suchtartige Verhalten ziele auch in diesem Fall auf Gratifikation.

Quelle: Track it! Share it! Like it! – Wenn Selbstvermessung zum (Sucht-)Problem wird (Onlineveranstaltung der Bayerischen Akademie für Sucht- und Gesundheitsfragen)


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