19-Jähriger inhaliert Deo-Spray, wird wiederbelebt und stirbt neun Tage später

Autor: Michael Brendler

Wohl die einfachste Art, „high“ zu werden: mit einem Sprühdeodorant. © iStock.com/4FR

Vor allem Jugendliche versuchen, sich an Kleberdunst, Deos und Lackdämpfen zu berauschen. Aber auch die Patienten in Entzugskliniken und Insassen von Gefängnissen spielen auf diese Weise mit ihrem Leben.

Gemeinsam mit anderen Patienten einer Entzugsklinik wollte sich ein 19-Jähriger am Sprühnebel aus einer Deodorant-Dose berauschen. Um die Dämpfe gezielt zu inhalieren, hatte er sich ein Handtuch über den Kopf gezogen und die Spraydose darunter entleert.

Das Gas tat seine Wirkung: Zunächst sprang der junge Mann aufgedreht herum, dann brach er zusammen. Die herbeigerufenen Notfallsanitäter stellten ein Kammerflimmern fest. Mit dem sechsten Defibrillationsversuch gelang es ihnen, das Herz des Patienten wieder zum Schlagen zu bringen, wie Dr. Kelvin Harvey Kramp und Kollegen vom Rotterdamer Maasstad Ziekenhuis-Krankenhaus berichten.

Auf der Intensivstation gelang es den Ärzten zunächst, den Zustand ihres Patienten weiter zu stabilisieren. Dennoch blieben Myoklonien und Diabetes-insipidus-Symptome. Am siebten Tag kam trotz medikamentöser Therapieversuche ein Status epilepticus hinzu. Nachdem sich die Anfälle trotz vorübergehenden Barbituratkomas nicht kontrollieren ließen, wurden die Geräte schließlich abgestellt. Der 19-Jährige starb an Tag neun.

Butan wirkt im Gehirn ähnlich wie Alkohol

Solche Fälle seien nichts Ungewöhnliches, berichten die Autoren. Allein in den Vereinigten Staaten sterben jedes Jahr bis zu 125 Menschen bei ähnlichen Vorfällen. Dort habe man sogar einen eigenen Namen dafür: „Sudden Sniffing Death“ nennen die Amerikaner den tödlichen Herzstillstand nach dem absichtlichen Einatmen flüchtiger Substanzen. Besonders gerne greifen Jugendliche zwischen 15 und 19 Jahren zu Kleber, Farben und Deo.

Aber auch in Gefängnissen und Entzugskliniken, mahnen die Autoren, sollte das Personal derartigen Missbrauch im Blick haben. Mangels Alternative versuchen sich dort ebenfalls viele Insassen und Patienten zu berauschen, indem sie direkt an den Chemikalien oder an in ihnen getränkten Stoffstücken schnuppern. Fortgeschrittene Schnüffler stülpen sich manchmal sogar gleichzeitig eine Tüte über den Kopf, um den Rausch zu intensivieren. Bagging nennt sich dieses Verfahren.

Als lipophile Substanz dringt beispielsweise das Butan, das als Treibgas etwa in Deosprühdosen verwendet wird, schnell ins ZNS ein und intensiviert dort die Empfindlichkeit der GABA-Rezeptoren – ein ähnlicher Effekt, wie man ihn auch vom Alkohol kennt.

Ischämie, Herzschwäche oder Koronarspasmen?

Auf welche Weise Butan und andere Gase tödlich wirken können, ist nicht vollständig geklärt. Drei verschiedene Mechanismen sind vorstellbar. So beeinflussen viele der Schnüffelstoffe das adrenerge System und damit das Herz. In Kombination mit Erregung – beispielsweise durch Sex oder Angst – kann es zu einer Ischämie des Herzens kommen. Mechanismus Nummer zwei: Zumindest bei Ratten und Affen hemmen die Chemikalien auch direkt die kardiale Kontraktilität. Als Todesursache werden drittens Spasmen der Koronararterien diskutiert. Weitere Gefahren im Zusammenhang mit den flüchtigen Stoffen sind Atemlähmung, Laryngospasmus und alveoläre Hypoxie.

Glücksgefühle und weniger Hemmungen

Enthemmung und Euphorie sind die gewünschten Folgen. Mitunter stellen sich auch eine verwaschene Sprache, Ataxie, Halluzinationen oder Bewusstlosigkeit ein. Oder eben, wie die Autoren warnen, auch schon nach Erstkonsum der Tod. 

Quelle: Kramp KH et al. BMJ Case Rep 2018; online first