Adonis-Komplex: Immer mehr Männer stehen mit ihrem Spiegelbild auf Kriegsfuß

Autor: Michael Brendler

Selbstwahrnehmung vs. Spiegelbild: Der Kampf um mehr Muskelmasse kann schnell zum Zwang werden. © F8studio – stock.adobe.com

Das Schönheitsideal des Mannes hat sich gewandelt. Vor allem die Muckis stehen heute unter kritischer Beobachtung. Nicht jeder Mann kommt damit klar – immer mehr leiden unter dem „Adonis-Komplex“.

Seit den 1970er-Jahren lässt sich bei Männern ein Wandel hin zu einem muskuläreren Schönheitsideal beobachten, schreiben Robin Halioua­ von der Klinik für Psychiatrie, Psychotherapie und Psychosomatik der Psychiatrischen Universitätsklinik Zürich und Kollegen. Zudem scheinen auch die Frauen kritischer hinzugucken, zumindest kann man das den Leserinnen der Zeitung Playgirl unterstellen: Im Vergleich zu seinen Kollegen 50 Jahre zuvor weist das Covermodel des Magazins heute 12 kg mehr Muskel- und 5 kg weniger Fettmasse auf.

Die Folge: Das Verhältnis von Mann und Körper wird auf eine ernsthafte Probe gestellt – nicht immer mit einem guten Ende. 15 % der Männer waren 1973 mit ihrem Körper unzufrieden, 1997 lag der Anteil bei 43 %. Geschätzte 7 % der Männer können ihren Trizeps und Co. im Spiegelbild inzwischen derart wenig leiden, dass die fünfte Auflage des Diagnostic and Statistical Manual of Mental Disorders dafür ein eigenes Krankheitsbild eingeführt hat: die Muskeldysmorphie oder im Volksmund „Adonis-Komplex“.

Verzerrte Selbstwahrnehmung wie bei der Anorexie

Die Betroffenen nehmen sich als schmächtig und untrainiert wahr. Manche trauen sich kaum noch vor die Tür oder in die Arme einer Frau. Hierin weisen sie eine Ähnlichkeit zu anorektischen Mädchen auf, auch die Selbstwahrnehmung stellt sich ähnlich verzerrt dar. Die meisten dieser Männer sind deutlich muskulöser als der Durchschnitt, nehmen das aber nicht wahr, obwohl sie im Schnitt 13-mal am Tag in den Spiegel schauen.

Die Befürchtung um zu geringe Muskelmasse führt zu einem von exzessivem Sport und minutiös geplanter Diät geprägten Lebensstil, dessen Verfolgung viele Betroffene als zwanghaft erleben, schreiben die Autoren. Mehr als die Hälfte der Patienten hat nach eigenen Angaben die Kontrolle über Training und Ernährung verloren. Eine Muskeldysmorphie geht daher immer mit einem hohen Leidensdruck und sozialen oder beruflichen Beeinträchtigungen einher.

Das Schicksal dem eigenen Handeln unterwerfen

Angesichts dieses Symptombilds erstaunt es kaum, dass immer wieder Komorbiditäten auftreten: An ers­ter Stelle stehen Depressionen und Angsterkrankungen sowie Substanzabhängigkeiten, die meist über den Anabolika-Missbrauch hinausgehen. Welche Faktoren genau für die Entwicklung dieser Störung verantwortlich sind und wieso manche Männer sich eher anfällig dafür zeigen, während andere nur einfach gerne ins Fitnessstudio gehen, sei derzeit unklar, so die Experten.

Vielleicht könne man die Krankheit als Versuch einer männlichen Identitätsfindung interpretieren, die es anhand der Körperformung erlaube, das Schicksal dem eigenen Handeln zu unterwerfen. Womöglich stellt sie aber auch eine verfehlte Konfliktlösungsstrategie für Männlichkeitsprobleme dar. Es fällt jedenfalls auf, dass die Patienten in Kindheit und Jugend häufig Mobbingopfer waren.

Auch Frauen können betroffen sein

Irgendwann wird das Ganze zum Selbstläufer. Wer seinen Körper häufiger im Spiegel betrachtet, wird damit immer unzufriedener, das zeigen Studien. Noch mangele es an entsprechenden Fragebögen und Cut-off-Werten, die Ärzten die Dia­gnose erleichtern, beklagen die Autoren. Auch klinische Studien zum Thema sind bislang rar. In Bezug auf die richtige Therapie herrscht deshalb noch Unsicherheit. Die Männer sind mit derartigen Problemen nicht allein. Auch Frauen können betroffen sein.

Quelle: Halioua R et al. Swiss Med Forum 2019; 19: 153-158