Akzeptieren, wertschätzen, einfühlen – Folgen des akuten psychologischen Traumas abschwächen

Autor: ­Maria Fett

Für berufsbedingt Gefährdete wie Soldaten und Rettungskräfte gibt es spezielle Angebote zur Verarbeitung traumatischer Ereignisse. Für berufsbedingt Gefährdete wie Soldaten und Rettungskräfte gibt es spezielle Angebote zur Verarbeitung traumatischer Ereignisse. © Photographee.eu – stock.adobe.com

Etwa jeder Vierte im deutschsprachigen Raum muss damit rechnen, Opfer oder Zeuge eines traumatischen Ereignisses zu werden. Ob es dann zu einer akuten Stressreaktion, vielleicht sogar einer Traumafolgestörung kommt, hängt stark von der richtigen Frühintervention ab.

Es ist eines der ersten Dinge, das geschulte Helfer lernen: Wer zu Betroffenen durchdringen will, braucht ihr Vertrauen. Vertrauen erhält der, der akzeptiert, wertschätzt und sich emotional in andere hineinversetzt. Diese Grundhaltung sollte daher die Basis jeder psychologischen Intervention bilden. Vor allem traumatisierte Personen brauchen eine sichere Beziehung, um das Erlebte verarbeiten zu können.

Indem man Betroffene – sofern es die Umstände zulassen – über ihre Diagnose aufklärt, gibt man ihnen bereits ein wenig Kontrolle über die Situation und die folgenden Interventionen, heißt es in der aktuellen S2k-Leitlinie zur akuten Traumatisierung. Dazu gehört, sie wenn möglich über Risiken, Prognose und Kosten sowie Verfügbarkeit einer Behandlung zu informieren.

Als psychologische Frühinterventionen nennen die Leitlinienautoren drei Präventionsstrategien. Wann bzw. bei wem welche Maßnahmen zum Einsatz kommen, hängt von der Zielgruppe ab: Adressiert man die gesamte Bevölkerung (universelle Prävention)? Richtet man sich nur an jene, die ein erhöhtes Risiko tragen (selektive Prävention)? Oder wurde eine Gruppe identifiziert, die gescreente Risikofaktoren aufweist (indizierte Prävention)?

Die meisten Betroffenen brauchen nach einem traumatischen Ereignis keine spezielle psychosoziale Unterstützung. Allerdings schätzen es viele, wenn man ihnen ein paar Informationen an die Hand gibt, zum Beispiel zu typischen Erlebnisprozessen, Bewältigungsstrategien oder konkreten Beratungsangeboten.

Niemanden zwingen, über seine Gefühle zu sprechen!

Die Psychotherapeutenkammer Niedersachsen hat dazu mehrere gut aufbereitete Broschüren erstellt. Die psychosoziale Notfallversorgung umfasst fünf Prinzipien:

  1. Sicherheit, soweit es real möglich ist, fördern
  2. beruhigen und entlasten
  3. Selbstwirksamkeit und Kontrolle der Einzelpersonen bzw. in der Gruppe fördern
  4. Kontakt und Anbindung fördern
  5. Hoffnung und Zukunftsorientierung stärken

Die Autoren warnen ausdrücklich davor, Beteiligte direkt nach einem Trauma dazu zu drängen, über ihre emotionalen Reaktionen zu sprechen. Zwingen Sie also niemanden, Hilfe in Anspruch zu nehmen! Damit Ihre Mühen nicht ins Leere laufen, braucht es auf Seiten der Betroffenen Bereitschaft.

Vor allem eine Beziehungssache

Ob eine psychologische Interventionstechnik zum Erfolg führt, hängt nicht nur von ihren spezifischen Wirkfaktoren ab. Auch allgemeine, von der gewählten Methode unabhängige Faktoren, sogenannte „Common Factors“, mischen mit. Diese umfassen Patienten- und Therapeutenvariablen, extratherapeutische Faktoren, Beziehungsaspekte und Erwartungseffekte. Besonders wichtig ist die Sicherheit der Beziehung zwischen Patient und Therapeut.

Polizisten, Feuerwehrleute, Soldaten, Rettungskräfte – sie alle tragen berufsbedingt ein erhöhtes Risiko für traumatische Ereignisse. An sie richtet sich die selektive Prävention. Viele Organisationen haben mittlerweile spezielle Angebote für Mitarbeiter etabliert, beispielsweise das Peerkonzept beim Technischen Hilfswerk. Apps wie der „PTSD Coach“ (PTSD: posttraumatic stress disorder) der Bundeswehr oder die „Stressbearbeitung nach belastenden Ereignissen“, eine Reihe spezieller Einzel- und Gruppengesprächstechniken, ergänzen das wachsende Angebot.

Derartige Maßnahmen konzentrieren sich vorrangig darauf, über Stressreaktionen, psychische Folgen und hilfreiche Copingstrategien zu informieren. Zudem sollen sie die soziale Unterstützung fördern, die laut Leitlinie zu mehr Selbstwirksamkeit führt. Betroffene fühlen sich wertgeschätzt und sind eher bereit, Hilfe anzunehmen.

Betroffene mit erhöhter Symptomlast im Auge behalten

Indizierte Präventionsmaßnahmen umfassen eher unspezifische Interventionen. In Einzelberatungen lernen Patienten unter anderem, aktiv mit Stress und Problemen umzugehen, eigene Ressourcen zu stärken und/oder sich gezielt zu entspannen. Wie in der universellen und selektiven Prävention kommt der Psychoedukation ein zentraler Stellenwert zu. Die Inhalte sind praktisch identisch: Stressreaktionen, posttraumatische Symptome, deren Verlauf und Tipps zur Bewältigung.

Zeigen Betroffene eine erhöhte Symptomlast, steigt das Risiko einer Traumafolgestörung. In diesen Fällen raten die Experten, Patienten besonders in den ersten Wochen verstärkt zu beobachten und bei Bedarf eine Weiterbehandlung zu planen („watchful waiting“).

Ein unterstützendes soziales Umfeld kann dabei helfen, akute Traumata zu verarbeiten. Angehörige, Lebenspartner und andere nahestehende Personen können direkt in die Interventionen einbezogen werden. Nicht nur, dass sich so die Chancen erhöhen, Folgestörungen im Keim zu ersticken. Auch lassen sich so potenzielle Konflikte oder ein Substanzmissbrauch vorbeugen.

Quelle: S2k-Leitlinie Diagnostik und Behandlung von akuten Folgen psychischer Traumatisierung, AWMF-Register-Nr. 051-027, www.awmf.org