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Auf der Suche nach dem Grund für die zunehmende Zahl an Typ-1-Diabetikern

Autor: Dr. Anne Benckendorff

Es gibt zahlreiche Unbekannte, die die Inzidenz von Typ-1-Diabetes beeinflussen könnten. Es gibt zahlreiche Unbekannte, die die Inzidenz von Typ-1-Diabetes beeinflussen könnten. © iStock/Ta Nu
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Seit drei Dekaden steigt die Inzidenz des Typ-1-Diabetes pro Jahr um 3–4 %. Um dem entgegenzusteuern, müssen die Ursachen identifiziert werden.

Da sich innerhalb der kurzen Zeit – weniger als eine Generation – das Erbgut nicht in diesem Ausmaß verändern kann, suchen Forscher nach Faktoren abseits der Genetik, mit denen sich die zunehmende Zahl von Typ-1-Diabetikern erklären lassen.

So nimmt beispielsweise seit Jahrzehnten nicht nur das Durchschnittsalter der Frauen zur Geburt zu. Die werdenden Mütter bringen vor und während der Schwangerschaft auch immer häufiger mehr auf die Waage, schreiben Professor Dr. Jill­ M. Norris­ von der Colorado School of Public Health und ihre Kollegen. Zugenommen hat das auch das Gewicht der Neugeborenen. Dabei konnten Studien für diese Faktoren einen Zusammenhang mit einem erhöhten Risiko für Typ-1-Diabetes zeigen. Allerdings waren die ermittelten Risikoscores durchweg nicht hoch genug, um den beobachteten Anstieg der Inzidenz zu erklären.

Hinsichtlich Gewicht, Wachstum und BMI der Kinder findet die Mehrheit der Arbeiten ebenfalls eine Assoziation, aber auch hier scheint der berechnete Einfluss gering. Zudem ist der BMI der Kinder zwar bis in die frühen 2000er-Jahre gestiegen, doch seitdem stagniert er.

Ein vermehrter Verzehr von Kuhmilch und Gluten ging in einigen Untersuchungen mit einem geringfügig erhöhten Risiko für Typ-1-Dia­betes einher. Der quantitative Effekt bleibt allerdings unklar. Ein wahrscheinlicherer Umweltfaktor ist der zunehmende Zuckerkonsum. Dieser kann die Progression von einer Inselautoimmunität zu Typ-1-Diabetes fördern.

Unter den Viren scheinen Enteroviren am ehesten mit einem leicht erhöhten Risiko für die Erkrankung assoziiert zu sein. Möglicherweise könnten darüber hinaus eine schwere Grippe oder respiratorische Infektionen unspezifisch für die Entstehung oder Progression einer Inselautoimmunität prädisponieren.

Es existieren keine Hinweise darauf, dass eine geringere Keimbelastung der Umwelt des Kindes durch vermehrte Hygiene mit einem erhöhten Risiko für einen Typ-1-Diabetes assoziiert wäre. Ein Zusammenhang zwischen einer Antibiotikaeinnahme in der Kindheit (oder der Mutter) mit einem erhöhten Risiko war genauso wenig nachweisbar wie mit Impfungen. Luftverschmutzung kommt als Erklärung wahrscheinlich nicht infrage, denn sie hat in den wohlhabenden Staaten in den letzten Jahren eher abgenommen und ist zudem in Ländern mit niedriger Inzidenz am höchs­ten. Zu sonstigen Schadstoffen in der Umwelt als mögliche Ursache existieren derzeit keine ausreichenden Daten, so die Autoren.

Es sind zahlreiche Erklärungen möglich, warum sich bislang keine klaren Kandidaten als Auslöser der steigenden Inzidenz finden lassen. Möglicherweise liegt die Ursache ganz woanders oder die Einflussstärke der einzelnen Faktoren wurde falsch bewertet. Wahrscheinlich müssen, wie bei vielen anderen Erkrankungen auch, mehrere Aspekte mit jeweils geringem Einfluss zusammenkommen. Zudem gibt es zahlreiche Unbekannte, erinnern die Forscher. Um nur einige zu nennen:

  • Es könnte bislang nicht erkannte Subtypen von Typ-1-Diabetes geben, die z.B. bei unterschiedlicher genetischer Ausgangssituation von jeweils verschiedenen Faktoren beeinflusst werden.
  • Es könnten Kombinationen aus mehr risikoerhöhenden bei gleichzeitig weniger risikoreduzierenden Faktoren verantwortlich sein.
  • Es könnte kritische Zeitfenster in der Krankheitsentwicklung des Typ-1-Diabetes geben, während derer bestimmte Faktoren auftreten müssten.

Die weitere Forschung sollte sich verstärkt auf diese Faktoren konzentrieren, um deren Rolle im Kontext der Erkrankung besser zu verstehen, schließen die Autoren.

Quelle: Norris JM et al. Lancet Diabetes Endocrinol 2020; 8: 226-238; DOI: 10.1016/S2213-8587(19)30412-7


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