Bluthochdruck, Rauchen, Übergewicht: Weltweite Strategien gegen kardiovaskuläre Risikofaktoren

Autor: Dr. Anja Braunwarth

Im Kampf gegen Adipositas sind umfassende Maßnahmen gefragt. Im Kampf gegen Adipositas sind umfassende Maßnahmen gefragt. © Mara Zemgaliete – stock.adobe.com; iStock/geckophotos; BrianAJackson

Die Vereinten Nationen haben Großes vor. Bis zum Jahr 2030 sollen nicht-übertragbare Erkrankungen und die damit assoziierte Mortalität um 30 % zurückgehen. Da heißt es ran an das Unheil bringende Terzett Bluthochdruck, Rauchen und Übergewicht!

Fast 40 % der Weltbevölkerung schleppen überflüssige Pfunde mit sich herum. In Sachen allgemeine Mortalität hat aber die Hypertonie die Nase vorn. Etwa 17 % aller globalen Todesfälle stehen in Zusammenhang mit einem erhöhten Blutdruck, erklärte Dr. Dike B. Ojji vom Department of Medicine am University of Abuja Teaching Hospital in Nigeria. Erwartungsgemäß ist die Versorgung der Betroffenen in Ländern mit hohem Einkommen deutlich besser, wenngleich nicht perfekt. Bis zu 80 % der Patienten erhalten hier eine Therapie, maximal 70 % sind damit gut eingestellt. In 44 Ländern mit niedrigem bis mittlerem Einkommen ermittelte eine Studie eine Versorgungsrate von 30 %. Und nur 10 % erreichten so eine ausreichende Blutdruckkontrolle.

Prävention in Kirchen und im Friseursalon

Eine Besserung der Situation kann laut Dr. Ojji nur gelingen, wenn alle Beteiligten zusammenarbeiten. Das heißt: Patient, medizinisches Personal, Gesundheitssystem, Politik und die Pharmaindus­trie. Die Selbstkontrolle von Hypertonikern bringt viel mehr, wenn sie begleitend aufgeklärt werden und eine Lebensstilberatung erhalten. In Entwicklungsländern gibt es dazu interessante Ansätze. So kann es sich lohnen, Infos in Friseursalons oder Kirchen zu vermitteln. Eine zusätzliche Betreuung durch Sozialarbeiter ermöglichte bei Patienten in Armenvierteln in Argentinien einen größeren Blutdruckabfall als nur die übliche Versorgung.

Vonseiten des Gesundheitssystems bedarf es nach Dr. Ojjis Meinung

  •  Patientenregister,
  •  einer Rückmeldung zum klinischen Verlauf,
  •  simpler Therapiealgorithmen,
  •  medizinischer Visiten zur Blutdruckmessung sowie
  •  Single-Pill-Kombinationen.

Die Zahl der Raucher ging in westlichen Ländern in den letzten Jahrzehnten deutlich zurück. Und an der Gefährlichkeit des Qualmens dürfte keiner mehr zweifeln. Schon ein „milder“ Konsum (5–10 Zigaretten/Tag) verdoppelt in Europa das Risiko für eine koronare Herzkrankheit und zerebrovaskuläre Krankheiten, betonte Professor Dr. Richard Peto vom Nuffield Department of Population Health der Universität Oxford. Der Stopp lohnt immer, auch wenn der Benefit mit steigendem Alter weniger wird.

WHO-Programm zur Reduktion von Transfetten Interessanterweise nannte Prof. Peto als wesentlichen Ansatz, um die Quoten weiter zu senken, nicht etwa Entwöhnungsprogramme oder Medikamente, sondern den Preis. In Großbritannien gab es zwei schlagartige Abfälle der Raucherraten – und zwar nach zwei massiven Preiserhöhungen für Zigaretten. In Südafrika und Frank­reich hat sich der Preis für die Kippen zwischen 1990 und 2005 verdreifacht, die Zahl der Konsumenten halbierte sich. Dazu gab es in diesem Zeitraum doppelt so viele Steuer­einnahmen.

Präventive Effekte in Zahlen

Was vorbeugende Maßnahmen tatsächlich bringen, fasste Professor Dr. Salim Yusuf vom Department of Medicine der McMaster University im kanadischen Hamilton zusammen. Ein Rauchstopp reduziert die Todesfälle bei den Süchtigen um 50 %. Die Senkung des LDL um 1 mmol/l (39 mg/dl) mindert kardiovaskuläre Erkrankungen um 30 %. Um 25 % fallen sie bei Hypertonikern mit systolischen Werten > 140 mmHg, denen es gelingt, diesen Druck um 10 mm Hg zu verringern. Alle drei Effekte gemeinsam würden eine Risikoreduktion von 75 % ergeben.

Bei der Gewichtsreduktion ist der Weg von der Theorie in die Praxis schwer, weiß Professor Dr. Nathan D. Wong von der Division of Cardiology der University of California in Irvine. Außerdem kann bis heute niemand so genau sagen, wie der Speiseplan am besten auszusehen hat: low carb, wenig Fett, viele Proteine, vegetarisch oder doch besser mediterran? Fest steht: Bestimmte Lebensmittel wie Obst und Gemüse, Seefisch oder Nüsse gehören zu den guten. Zu viel Zucker schadet, mehrfach ungesättigte Fettsäuren sind weit gesünder als einfach ungesättigte oder gar Transfette und rotes Fleisch ist schlechter als weißes. Die Eliminierung von industriell hergestellten Transfetten hat sich die WHO auf die Fahne geschrieben und ein Programm zur schrittweisen Reduktion ins Leben gerufen. Manche Trends sollte man indes mit Vorsicht genießen. So enthält das pflanzenbasierte Burgerpatty von Beyond Meat durch seinen Anteil an Kokosöl mehr gesättigte Fettsäuren als ein vergleichbar großes Patty aus Rindfleisch. Enttäuscht haben laut Prof. Wong in jüngerer Zeit auch Omega-3-Fettsäuren. Fischölsupplemente zeigten in mehreren Studien keinen präventiven Effekt für Herz und Kreislauf. Im Kampf gegen Adipositas sind daher umfassende Maßnahmen gefragt. Die Strategie der WHO sieht so aus:
  • Reduktion zuckerhaltiger Getränke durch Steuergesetze
  • Empfehlungen und Maßnahmen entwickeln zu den Themen „Anteil von Zucker und Fett in Essen und Getränken senken“, „kleinere Portionen verzehren“ sowie „Verfügbarkeit und Bezahlbarkeit gesunder Lebensmittel steigern“
  • Kampagnen zum Thema gesunde Ernährung und Bewegung in der Bevölkerung und in Social-Media-Kanälen implementieren
  • einfache Kennzeichnungen von Lebensmitteln ein­führen
  • Vermarktung von stark zucker-, salz- und fetthaltigen Nahrungsmitteln bei Kindern einschrän­ken
  • mehr gesunde Lebensmittel in Schulen und an anderen öffentlichen Orten bereitstellen.

Quelle: ESC* Congress 2019

* European Society of Cardiology