Delir: Die fünf Basismaßnahmen der nicht-medikamentösen Therapie

Autor: Dr. Daniela Erhard

Therapeutische Interventionen rund um die Uhr stören den Tag-Nacht-Rhythmus des Kranken. Therapeutische Interventionen rund um die Uhr stören den Tag-Nacht-Rhythmus des Kranken. © iStock/vm

Ein Delir ist potenziell lebensbedrohlich! Deshalb sollte man frühzeitig gegensteuern bzw. bereits präventiv tätig werden. Dabei kommt es vor allem auf Faktoren jenseits von Medikamenten an.

Unbestritten haben Pharmaka wie Haloperidol oder Dexmedetomidin einen festen Platz in der Therapie des Delirs. Der zentrale und nach Auffassung von Privatdozent Dr. Sebastian­ Reith­, Medizinische Klinik III am St.-Franziskus-Hospital Münster, primäre Baustein im Behandlungskonzept ist jedoch die nicht-medikamentöse Therapie. Sie sieht folgende fünf Basismaßnahmen vor.

1. Patienten früh mobilisieren

Gemäß aktueller Leitlinien ist es am wichtigsten, den Patienten frühzeitig zu mobilisieren – und sei es nur passiv. Denn gerade bei bettlägerigen Personen schwinden die Muskeln schnell, was den weiteren Behandlungserfolg beeinträchtigt. Physio- und Ergotherapie sollten daher täglich auf dem Programm stehen. Bei Intensivpatienten empfiehlt es sich, Tuben und Katheter zeitgerecht zu entfernen. Das erleichtert und fördert die Mobilisierung.

2. Orientierung verschaffen

Als Risikofaktor für die Entwicklung eines Delirs gilt die ungewohnte Umgebung eines Krankenhauses. Sie erschwert die räumliche und/oder zeitliche Orientierung des Kranken. Große Uhren im Patientenzimmer und eine klare, verständliche Kommunikation vonseiten des Pflegepersonals können dem entgegenwirken. Diese Maßnahmen bringen allerdings wenig, wenn der Kranke nicht richtig sieht oder hört. Achten Sie daher unbedingt darauf, dass er seine Brille bzw. sein Hörgerät auch trägt.

3. Gehirn auf Trab halten

Krankenhausaufenthalte sind monoton und stellen keine hohen geistigen Anforderungen an die Patienten. Entsprechend schnell lassen Denkvermögen und Kognition nach. Schon regelmäßige Gespräche können dem entgegenwirken, so Dr. Reith. Am besten reden Ärzte und Pflegekräfte deutlich mit den Betroffenen: Zeit, Ort und aktuellen Behandlungsplan immer wieder ins Gedächtnis rufen und über den klinischen Status informieren.

4. Tag-Nacht-Rhythmus fördern

Gerade auf der Intensivstation ist an einen ungestörten Nachtschlaf kaum zu denken. Dafür sorgen therapeutische Intervention rund um die Uhr, nächtliche Neuaufnahmen, Notfälle, wechselnde Lichteinflüsse und störende Geräusche. Um die Belastung für den Patienten zu reduzieren bzw. eine bessere Schlafqualität und verlängerte kontinuierliche Schlafphasen zu erreichen, eignen sich u.a. Augenmasken und Ohrstöpsel. Soweit es geht sollte das Personal Hintergrundgeräusche ausschalten und Gespräche möglichst leise führen.

5. Richtig sedieren und beatmen sowie Schmerzen nehmen

Dr. Reith rät dazu, Patienten nur ziel- und bedarfsorientiert zu an­algosedieren und zu beatmen sowie bevorzugt auf Beatmungsverfahren zu setzen, die die Spontanatmung in unterschiedlichem Maß zulassen bzw. unterstützen. Primär seien die Schmerzen der Kranken anzugehen, außerdem gelte es, Stress und Ängs­te zu begrenzen.

Wenig Evidenz für die Pharmakotherapie

Sowohl in der Delirprävention als auch im therapeutischen Einsatz ist die Evidenz von Pharmaka gering, urteilt Dr. Reith. Es gebe Hinweise, dass durch Haloperidol oder Risperidon postoperativ weniger Delire auftreten. Werden Patienten mit Dexmedetomidin sediert, scheint ein Ereignis weniger wahrscheinlich als unter Benzodiazepinen. Beatmete Intensivpatienten tragen allerdings ein größeres Risiko, durch den frühzeitigen Einsatz von Dexmedetomidin kommt es häufiger zu einem Delir.

Beim klinisch manifesten Delir geben die deutschen Leitlinien keine klare Empfehlung für eine Substanz. Einzig beim Entzugsdelir im Rahmen einer Alkohol- oder Benzodiazepinabhängigkeit ist der Erfolg von Medikamenten belegt. In solchen Fällen raten die Experten zum symptomorientierten Einsatz von Benzodiazepinen, in ausschleichenden Dosen. Sie verringern beim Alkoholentzugsdelir auch die Mortalität.

Dabei komme es neben der Minimierung von Lärm, Kälte und Ähnlichem einmal mehr auf die zielgerichtete Kommunikation mit dem Patienten an. Man müsse den Kranken bei der Visite ins Gespräch einbinden, Eingriffe frühzeitig ankündigen und erläutern.

Starke Schmerzen als Stressfaktor sollte man möglichst regional behandeln, auch um Polypharmazie zu verhindern. Bei Analgosedierung ist es außerdem ratsam, die Sedierung täglich zu pausieren („Spontaneous Awakening Trial“) und zudem einen Spontanatmungsversuch durchzuführen („Awakening and Breathing Trial“). So lässt sich die Dauer der Beatmung und die Hospitalisierungszeit verkürzen.

Quelle: Reith S. Dtsch Med Wochenschr 2019; 144: 1629-1635; DOI: 10.1055/a-0826-2780