Diabeteserkrankung von Erwachsenen: Wie viele Typen gibt es wirklich?

Autor: Ulrike Viegener

Welcher Typ-2-Diabetes­patient hat ein besonders hohes Risiko für Organkomplikationen? Bei welchen Patienten mit Typ-2-Diabetes ist ein weniger striktes Therapie­management vertretbar? © fotolia/bittedankeschön

Eine skandinavische Forschergruppe schlägt für Diabeteserkrankungen im Erwachsenenalter eine Differenzierung in fünf verschiedene Typen vor. Auf Basis der Daten von fast 15 000 Patienten identifizierte sie Merkmalscluster mit deutlich unterschiedlicher Prognose.

Die bisherige Diabeteseinteilung greift wahrscheinlich zu kurz. Diabetesfälle, die im Erwachsenenalter auftreten, werden mehrheitlich dem Typ-2-Diabetes zugeordnet. Die Heterogenität dieser Population ist bekannt, ohne dass es Kriterien für eine klinisch taugliche Differenzierung unterschiedlicher Subgruppen gibt.

Sechs Variablen, fünf Cluster

Vor diesem Hintergrund hat eine schwedisch-finnische Forschergruppe unter Leitung von Professor Dr. Leif Groop, Diabeteszentrum der Universität Lund, die Daten von rund 15 000 im Erwachsenenalter erkrankten Diabetespatienten darauf hin analysiert, ob sich anhand bestimmter Merkmalscluster unterschiedliche Krankheitsbilder und -verläufe diskriminieren lassen.

Sechs Variablen wurden herangezogen:

  • Alter bei Diagnose,
  • Body-Mass-Index (BMI),
  • HbA1c-Wert,
  • Betazell-Funktion, Insulinsekretion (HOMA2 B),
  • Insulinresistenz (HOMA2 IR) und
  • Autoantikörper gegen Glutamatdecarboxylase (GADA).

In der ANDIS-Kohorte (All New Dia­betics in Scania) sowie einigen kleineren Kohorten wurde nach Konstellationen dieser Variablen gefahndet, für die sich anhand prospektiver Daten zur Entwicklung diabetischer Folgekomplikationen und zur Medikamentenverordnung typische Verläufe ausmachen ließen.

Reproduzierbare Muster mit unterschiedlichem Outcome

Die Forscher wurden fündig. Sie entdeckten fünf verschiedene – auch in den Kontrollkohorten reproduzierbare – Muster mit unterschiedlichem Outcome. Patienten der Cluster 1 bis 3 sind mit Blick auf diabetische Folgeschäden als Hochrisikopersonen einzustufen. Jene mit den Clustern 4 und 5 dagegen zeigen weniger schwere Krankheitsverläufe:

Cluster 1 ist charakterisiert durch ein niedriges Erkrankungsalter, einen relativ niedrigen BMI, schlechte Stoffwechselkontrolle, Insulinmangel sowie GAD-Autoantikörper. In der ANDIS-Kohorte waren 6,4 % der erfassten Patienten diesem Typus eines schweren Autoimmun-Diabetes (SAID) zuzuordnen.

Cluster 2 (17,5 %) wies ähnliche Merkmale auf, aber es waren keine Autoantikörper nachweisbar. Diese Konstellation, die als SIDD (Severe Insulin-Deficient Diabetes) klassifiziert wurde, ging mit einem besonders hohen Retinopathierisiko einher.

Cluster 3 (15,3 %) dagegen, das sich von den anderen Subgruppen durch eine besonders ausgeprägte Insulinresistenz bei hohem BMI unterscheidet, war mit dem höchsten Risiko für eine diabetische Nephropathie verknüpft. Dieser Subtyp wurde als SIRD (Severe Insulin-Resistant Diabetes) bezeichnet.

Patienten in Cluster 4 (21,6 %) hatten ebenfalls wie Cluster-3-Patienten einen hohen BMI, ausgeprägte Einbußen der Insulinsensitivität waren jedoch bei dieser Subgruppe nicht feststellbar (MOD, Mild Obesity Related Diabetes). 

Die beste Prognose hatten Cluster-5-Patienten (39,1 %), die erst im höheren Alter erkrankten und nur geringfügige metabolische Störungen zeigten (MARD, Mild Age-Related Diabetes).

Untermauert wird die vorgeschlagene Einteilung durch erste genetische Tests, die typische Unterschiede zwischen den verschiedenen Subgruppen ergaben.

Schlüssel zu risikoadaptierter Therapie

Ob die fünf Cluster tatsächlich Ausdruck unterschiedlicher ätiologischer Entitäten sind, darüber kann man im Moment nur spekulieren. Sollten sich die Subgruppen so oder in modifizierter Form bestätigen, könnte dies der Schlüssel sein für eine differenzierte Diabetestherapie, die sich an individuellen Risiken orientiert. Eine von Anfang an risikoadaptierte Behandlungsstrategie könnte die Erfolge bei der Bekämpfung diabetischer Folgekomplikationen deutlich verbessern. Das ist nicht zuletzt deshalb zu erwarten, weil offenbar ein sogenanntes metabolisches Gedächtnis existiert. Langzeitstudien weisen darauf hin, dass beim Diabetes mellitus die Qualität der Stoffwechselkontrolle in den ersten Erkrankungsjahren für die langfristige Prognose maßgeblich ist. Umso wichtiger wäre es, besonders Hochrisikopatienten von Beginn an optimal einzustellen. 

Quelle: Ahlqvist E. et al. Lancet 2018; doi.org/10.1016/S2213-8587(18)30051-2