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Coronapandemie Diabetesversorgung in der Krise

Autor: Stefanie Menzel

Auf die Inanspruchnahme von diabetesspezifischen Leistungen hat sich die Pandemie unterm Strich negativ ausgewirkt. Auf die Inanspruchnahme von diabetesspezifischen Leistungen hat sich die Pandemie unterm Strich negativ ausgewirkt. © iStock/hsyncoban
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Während viele erwachsene Diabetespatienten bislang offenbar gut durch die Pandemie gekommen sind, war und ist die medizinische Betreuung von jungen Menschen mit Diabetes mellitus Typ 1 unzureichend. Dies zeigt sich besonders bei neu erkrankten Kindern.

Dem Register für die Diabetes-Patienten-Verlaufsdokumentation (DPV) wurden in den ersten anderthalb Jahren der Pandemie signifikant mehr neue Fälle von Diabetes Typ 1 (T1D) bei Kindern und Jugendlichen gemeldet als aufgrund der Vorjahre zu erwarten gewesen wäre. Doch war die Zahl der Registrierungen nicht über den gesamten Zeitraum konstant: Jeweils etwa drei Monate nach den Scheitelpunkten der ersten und zweiten Welle lag sie ca. 30 % höher als vorausgesagt, berichtete Dr. Stefanie Lanzinger vom Institut für Epidemiologie und medizinische Biometrie der Universität Ulm. Als wahrscheinlichste Ursache für die temporären Anstiege sieht sie indirekte Auswirkungen der Pandemie wie etwa psychische Belastungen durch Kontaktbeschränkungen.

Entgleister kindlicher Stoffwechsel bei Diagnose

Zudem war die Rate an diabetischen Ketoazidosen bei Erstvorstellung z.B. zwischen März und Mai 2020 doppelt so hoch wie im Vergleichszeitraum 2018 und 2019. Besonders deutlich zeigte sich das bei Kindern unter sechs Jahren. Im Gegensatz dazu hatten bei bekanntem Typ-1-Diabetes Betroffene aller Altersklassen ihren Stoffwechsel während der ersten Pandemiephase gut unter Kontrolle.

Auch die meisten Patienten mit Typ 2 (T2D) haben das erste Pandemiejahr routiniert gemeistert. Das ließ sich aus der Datenbank German Disease Analyzer, die von Arztpraxen aus ganz Deutschland mit Versorgungsdaten befüllt wird, ablesen. Nach Auswertung der Daten kamen PD Dr. Dr. Bernd Kowall vom Institut für Medizinische Informatik, Biometrie und Epidemiologie des Uniklinikums Essen und Kollegen zu dem Ergebnis, dass die Anfang 2020 ausgegebene Devise „Stay at home“ dem Gros der langjährig Erkrankten sowohl metabolisch als auch psychisch wenig anhaben konnte. Die HbA1c-Spiegel blieben in dieser Zeit weitgehend stabil, die Werte für Nüchternglukose, Triglyzeride und BMI stiegen im Vergleich zu 2019 und 2018 nur bei wenigen Patienten an. Insgesamt lag der Anteil von Personen mit schlechter metabolischer Kontrolle nicht höher als in den beiden Vorjahren, fasste Dr. Kowall zusammen.

Auch von klinisch diagnostizierten psychischen Störungen waren demnach weniger T2D-Patienten betroffen als es auf Selbstauskünften beruhende Umfrageergebnisse erwarten ließen. Die Inzidenzen für Angst- und Stressstörungen sind in den Jahren 2019 und 2020 stabil geblieben. Depressionen haben sogar stetig abgenommen und reduzierten sich von ca. 7,2 Fällen pro 1.000 Personen zu Beginn des Jahres 2019 auf ca. 5,3 im ersten Quartal 2021. Diese Tendenz spiegelt sich auch in den Zahlen für neuverordnete Antidepressiva und Anxiolytika wider. Eine mögliche Erklärung liefert das Alter der T2D-Patienten: Mit durchschnittlich 68 Jahren waren sie nur in geringem Maß von Homeoffice, Homeschooling oder Angst vor dem Jobverlust betroffen. Zudem profitieren sie von eingespielten Versorgungsroutinen.

Digitalisierungsschub

Die Pandemie treibe den Digitalisierungsprozess beim Diabetesmanagement voran und trage dazu bei, Versorgungslücken zu schließen, die nicht nur während der Pandemie bestünden, so Prof. Hauner. Besonders gut habe die digitale Zusammenarbeit mit technikaffinen Typ-1-Diabetikern und bei Schwangerschaftsdiabetes funktioniert, ergänzte Dr. Ralph Bierwirth vom MVZ Contilia in Essen. Von den älteren Patienten seiner Schwerpunktpraxis seien aufgrund verminderter kognitiver Leistungsfähigkeit und fehlender häuslicher IT-Ausstattung allerdings nur 30–40 % der Betroffenen in der Lage, die digitalen Angebote zu nutzen.

Auf die Inanspruchnahme von diabetesspezifischen Leistungen hat sich die Pandemie unterm Strich negativ ausgewirkt, stellte Dr. ­Paula ­Friedrichs von der BioMath GmbH in ­Rostock nach der Auswertung von zwölf deutschen Studien fest. Auffallend seien der Rückgang bei den Einschreibungen in Disease-­Management-Programme und den Verordnungen von blutglukosesenkenden Medikamenten sowie die insgesamt weniger Diabetesdiagnosen und die höheren Keto­azidose­raten bei Kindern und Jugendlichen. Unklar bleibe allerdings, ob das Versorgungsangebot eingeschränkt war oder ob die Leistungen aus Angst vor Ansteckung nicht in Anspruch genommen wurden­.

Nur unzureichend Daten für Deutschland vorhanden

Nach wie vor ist es hierzulande schwer, an reale Forschungsdaten zu kommen, fasste Prof. Dr. ­Hans ­Hauner vom Else Kröner-Fresenius-Zentrum für Ernährungsmedizin am Klinikum rechts der ­Isar an der Technischen Universität ­München die Studienlage zusammen. „Hier sind die verantwortlichen Stellen in der Politik und bei den Krankenkassen gefordert, die eingehenden Daten unter Wahrung des Datenschutzes zu nutzen oder zur Verfügung zu stellen“, meinte der Referent.

Quelle: Online-Pressekonferenz der DDS: „ Auswirkungen der COVID-19-Pandemie auf die Lebenssituation und Versorgung von Menschen mit Diabetes mellitus“

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