Doktor Roboter: „Irgendwann wird der menschliche Mediziner obsolet sein“

Autor: Michael Brendler

Die Künstliche Intelligenz kann schon heute beeindruckend exakte Diagnosen und Prognosen stellen. © fotolia/M.Dörr & M.Frommherz

Den Zulassungstest zum Medizinstudium hat der Roboter bereits bestanden – zumindest in China. Aber auch in Radiologie, Dermatologie und Intensivmedizin zeigt sich die künstliche der menschlichen Intelligenz zumindest ebenbürtig. Ob das ein Grund zur Sorge ist, führt unter Kollegen zu Diskussionen.

Wie soll man da bloß mithalten? Patientenakten, Untersuchungswerte, Röntgenbilder – Computer sind inzwischen so weit, dass sie all diese Daten nicht nur schlucken, sondern auch ihre Schlüsse aus ihnen ziehen können. Und zwar schneller, billiger und mit einer viel geringeren Fehleranfälligkeit als jeder Mensch, sagt Professor Dr. Jörg Goldhahn vom Institut für Translationale Medizin der Eidgenössischen Technischen Hochschule Zürich.

Weil die künstliche Intelligenz immer klüger wird, je mehr Daten sie schluckt, kann sie schon jetzt mit beeindruckender Genauigkeit Diagnosen und Prognosen stellen. Noch sind die Computersysteme zwar nicht perfekt, sie perfektionieren sich aber selbst die ganze Zeit. „Der menschliche Arzt wird bald nur noch Assistent sein“, prognostiziert der Experte.

Maschinen sind objektiv und frei von Interessenkonflikten

Um ein guter Arzt zu sein, brauche es mehr als das, widersprechen Dr. Vanessa­ Rampton­ vom McGill Institut für Gesundheit und Sozialpolitik in Montreal und Professor Giatgen­ Spinas­ vom Universitätshospital Zürich: „Behandeln ist viel mehr als das Reparieren einzelner Körperteile.“ So hätten Krankheiten auch einen subjektiven Aspekt, an dem jede technologische Anwendung scheitern werde.

Außerdem funktioniere die Arzt-Patienten-Beziehung nur zwischen sterblichen Wesen. Sorge, Respekt und Mitgefühl sind ihrer Meinung nach nur auf einer gemeinsamen Basis möglich: der menschlichen Verwundbarkeit. Ein guter Helfer, so ihre Prognose, mag der Roboter dem Arzt deshalb vielleicht in Zukunft sein, „aber ihn ganz ersetzen, das schafft er nie“.

Gerade bei jungen Menschen ist es gut vorstellbar, dass sie eine unbestechliche Diagnose und fehlerlose Therapie viel höher einstufen als eine Schulter zum Anlehnen, meint Prof. Goldhahn. Und überhaupt: Das Objekt unseres Vertrauens müsse doch nicht menschlich sein, Maschinen seien deutlich vertrauenswürdiger. Schließlich seien sie unvoreingenommen und frei von Interessenkonflikten. Noch steht der wissenschaftliche Beleg für Nutzen und Sicherheit zwar aus, aber Prof. Goldhahn ist sich schon jetzt sicher: „Irgendwann wird der menschliche Mediziner obsolet sein.“

Einer übernimmt das Denken, der andere das Reden

Dr. Rampton und Prof. Spinas haben ein anderes Szenario vor Augen, wenn sie an die Zukunft denken: eine künstliche Intelligenz, die nur die Wissensgenerierung und -verarbeitung erleichtert – während es der menschliche Arzt übernimmt, dem Patienten zu einem neuen Gleichgewicht und einem besseren Umgang mit seiner Krankheit zu verhelfen. Wie werden wir uns mit Dr. Roboter arrangieren? Man darf gespannt sein.

Quelle: Goldhahn J et al. BMJ 2018; 363: k4563