Erfolgsdruck, Zeitaufwand, Traumata: Sport kann die Psyche angreifen

Autor: Michael Brendler

Robert Enke war während seiner 14-jährigen Profi­karriere sechs Jahre in psychiatrischer Behandlung. © picture alliance/
augenklick

Leistungssport schützt nicht vor psychischen Erkrankungen – der ehemalige Nationaltorwart Robert Enke ist ein tragisches Beispiel. So kann etwa der Leistungsdruck die Krankheitsgenese fördern. Nicht nur in der Prävention, auch in der Therapie gibt es Besonderheiten zu beachten.

Eine psychische Störung muss für einen Sportler kein Leis­tungshindernis sein. Michael Phelps, der bislang erfolgreichste Schwimmer der Geschichte, hat das eindrucksvoll demonstriert. Um das bei ihm diagnostizierte ADHS zu kompensieren, stieg der Amerikaner ab dem Alter von sieben Jahren ins Becken. 28 olympische Medaillen später verließ er es wieder. Doch die positive Wirkung von Sport kann sich auch ins Gegenteil verkehren.

„Es stellt sich die Frage“, schreiben Autoren um Dr. Oliver Hennig­ vom Zentralinstitut für Seelische Gesundheit der medizinischen Fakultät in Mannheim, „warum die dem Sport zugeschriebene präventive und kurative Wirkung bei Leistungssportlern nicht oder nur bedingt zu greifen scheint.“ Beantworten lässt sich das nur schwer. So könnte zum Beispiel die mit diesem Hobby verbundene starke Fokussierung und der hohe Zeitaufwand Jugendliche aus der Bahn werfen.

Oft bleibt bei so viel Sporteln keine Zeit mehr für private Kontakte und das Selbstwertgefühl basiert ausschließlich auf der körperlichen Leistung. Kein Wunder also, wenn Personen nach einer Verletzung und/oder Rückzug aus dem Leistungssport eine Depression entwickeln. Hinzu kommen die psychischen Folgen von Kopfverletzungen oder leistungssteigernden Substanzen. Steroide gehen häufig mit Stimmungs- und Angststörungen von Athleten einher.

Neben körperlichen Effekten sollte auch Spaß wichtig sein

Auszuschließen sind in diesem Zusammenhang auch nicht gewisse Selektionseffekte. Persönlichkeitseigenschaften wie starkes Erfolgsstreben, Perfektionismus oder Sensationslust begünstigen eben nicht nur den Einstieg in die sportliche Karriere, sondern stellen ebenfalls eine Achillesferse für die Entwicklung psychischer Erkrankungen dar.

Eine Rolle sei manchmal ebenfalls dem Umfeld zuzuschreiben, das den Erfolgsdruck – unter dem gerade junge Sportler oft leiden – maßgeblich prägt. Die Autoren berichten davon, dass die Wettkampfangst von Kindern steigt, wenn beide Elternteile zuschauen. Außerdem wurde beobachtet, dass sich diese nicht nur positiv, sondern teilweise recht kritisch über die Leistungen ihres Nachwuchses äußern.

Für die hohen psychischen Belas­tungen, die mit dem Leistungssport einhergehen, spricht auch die Beob­achtung der Sportler. Bei einer Untersuchung der Teilnehmer von olympischen Ausscheidungs-Schwimmwettkämpfen erfüllten vor dem Ereignis 68 % der Athleten die Diagnosekriterien einer Major Depression. Nach dem Wettbewerb waren es immer noch 35 %. Auch andere Leistungssportler, schreiben Dr. Hennig und Kollegen, wiesen in Wettkampfphasen Angstsymptome wie Palpitationen, innere Unruhe oder Magenschmerzen auf. Der Zeitpunkt der Untersuchung spielt demnach auch eine Rolle in der Diagnosestellung.

Da sich die „Nebenwirkungen“ des Sports oft vom Leiden selbst schwer unterscheiden lassen, ist bei der Diagnose Vorsicht angebracht. Gewichtheber und Turner hungern regelmäßig, um ihr Körpergewicht zu halten – und sind dabei dennoch weit davon entfernt, anorektisch zu werden. Ausdauersportler wie Triathleten wiederum zeichneten sich oft durch besonders ruhige Charakter aus, ohne deshalb an einer Depression zu leiden. „Entscheidend für die Abgrenzung spezifischer Verhaltensweisen von Symptomen mit Krankheitswert sind körperliche Folgesymptome, Funktionalität und Leidensdruck“, so die Mannheimer.

Ist eine Therapie indiziert, sollte man die Richtlinien der nationalen bzw. Welt-Anti-Doping-Agentur beachten. So dürfen Medikamente keine Auswirkung auf die Leistungsfähigkeit haben. Aber auch eine sedierende Wirkung oder die Beeinflussung des Gewichts müssen u.a. berücksichtigt werden.

Neben Medikation und Psychotherapie lässt sich der Sport selbst für die Behandlung nutzen. So könne beispielsweise der Trainingsschwerpunkt auf die Verbesserung der Körperwahrnehmung, des -bewusstseins und der subjektiv empfundenen Vitalisierung gelegt werden, wodurch Betroffene einen neuen Zugang zum Sport und zu sich selbst erhalten. Ähnliches gilt in der Prävention. Gerade für Kinder geht Leistungssport mit Risiken für die psychische Gesundheit einher.

Aus Sicht der Autoren ist es für die Prävention wichtig, sich auf die ursprüngliche Bedeutung des Wortes „Sport“ – nämlich „Zeitvertreib, Vergnügen“ – zurückzubesinnen. Und beim Training und bei den sportmedizinischen Untersuchungen nicht nur auf die Fitness zu achten.

Quelle: Hennig O et al. DNP 2017; 18: 36-42