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Mangelernährung „Essen bedeutet für viele Krebserkrankte Stress“

Interview Autor: Ulrike Viegener

Metallbesteck kann einigen Krebspatienten den Appetit verderben. Metallbesteck kann einigen Krebspatienten den Appetit verderben. © iStock/julief514
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Besonders während ihrer Therapie laufen Krebspatienten Gefahr, dass sie eine Mangelernährung entwickeln. Eine ernährungsmedizinische Begleitung kann helfen, diesem Phänomen entgegenzuwirken. Sie sollte zum integralen Bestandteil onkologischer Therapiekonzepte werden, fordert die Ernährungswissenschaftlerin und Diätassistentin Nicole Erickson im Interview.

Bereits die 2006 publizierte „German Hospital Malnutrition Study“ hat gezeigt, dass viele onkologische Patienten – in dieser Studie knapp 40 % – Zeichen einer Mangelernährung aufweisen ...

Nicole Erickson: Die Prävalenz von Mangelernährung variiert bei onkologischen Patienten nach Art, Lokalisation und Stadium des Tumors und bewegt sich zwischen ca. 30 und 80 %. Bei Patienten mit Kopf-Hals-Tumoren, Lungenkarzinomen und GI-Tumoren ist die Prävalenz höher als bei Patienten zum Beispiel mit Mamma- oder Prostatakarzinom, die manchmal sogar mit ungewollter Gewichtszunahme zu kämpfen haben. Aber grundsätzlich haben alle Krebspatienten ein erhöhtes Risiko für Mangelernährung, ganz besonders während der Krebstherapie.

Übergewichtige können also auch durch eine Mangelernährung gefährdet sein?

Nicole Erickson: Ja. In einer französischen Studie wurde gezeigt, dass Krebspatienten mit hohem BMI sogar ein höheres Risiko für Mangelernährung aufweisen, weil diese bei übergewichtigen Patienten eher übersehen wird. Manchmal werden Gewichtsverluste bei Übergewicht von ärztlicher Seite sogar begrüßt, obwohl die betroffenen Patienten ja nicht an Fett, sondern im Sinne einer Sarkopenie an Muskelmasse verlieren. Weiter ist zu bedenken, dass Gewichtsveränderungen infolge von Mangelernährung durch Wassereinlagerungen verschleiert werden können.

Welche Konsequenzen sind mit einem schlechten Ernährungsstatus verbunden?

Nicole Erickson: Mangelernährung wirkt sich in verschiedener Hinsicht negativ auf das Befinden onkologischer Patienten aus. Ungewollte Gewichtsverluste schwächen die Patienten zusätzlich, sie beeinträchtigen das Immunsystem und sie verschlechtern die Widerstandskraft gegenüber den oft belastenden Krebstherapien. Mangelernährte Patienten leiden nachweislich mehr bzw. stärker unter Nebenwirkungen. Die Lebensqualität onkologischer Patienten wird durch einen schlechten Ernährungsstatus spürbar verschlechtert.

Ernährungsberatung bei onkologischen Patienten zielt aber nicht ausschließlich auf die Prävention von Mangelernährung ab. Essen bedeutet für viele Krebspatienten Stress. Deshalb ist es ein ganz wichtiges Ziel, den Patienten zu helfen, dass sie wieder unbeschwert und mit Genuss essen können. Das ist per se schon ein enormer Zugewinn an Lebensqualität.

Kann auch die Lebenserwartung unter den Folgen der Mangelernährung leiden?

Nicole Erickson: Es werden immer mehr kontrollierte, randomisierte Studien publiziert, die einen negativen Einfluss von Mangelernährung auf das „Progression Free Survival“ bzw. das „Overall Survival“ onkologischer Patienten belegen. Zudem ist dokumentiert, dass Mangelernährung mit mehr Therapieunterbrechungen assoziiert ist.

Was sind die Gründe für das hohe Risiko einer Mangelernährung?

Nicole Erickson: Die Ursachen der Mangel­ernährung sind sehr komplex. Die Krebserkrankung geht mit metabolischen Veränderungen einher, die den Energieverbrauch erhöhen. Andererseits erschweren ätiologische Faktoren wie Übelkeit, Appetitlosigkeit, Geschmacksveränderungen, Mukositis die Nahrungsaufnahme. Eine sehr ungünstige Konstellation also: Der Energiebedarf ist erhöht, und andererseits leiden viele Patienten unter Beeinträchtigungen, die es ihnen schwer machen, diesen erhöhten Energiebedarf zu decken. Ein weiterer wichtiger Aspekt sind nicht-bilanzierte Diäten. Viele Patienten wenden – oft ohne Wissen der behandelnden Ärzte – Nahrungsergänzungsmittel an oder folgen sehr strengen einseitigen Diäten. Dabei besteht das Risiko ungünstiger Wechselwirkungen von Nahrungsergänzungsmitteln mit Krebsmedikamenten, und außerdem können nicht-bilanzierte Diäten durch Nebenwirkungen wie Appetitmangel oder Blähungen das Essverhalten negativ beeinflussen. Eine frühzeitige Aufklärung über Nutzen und Risiken alternativer Ernährungsmethoden sollte deshalb immer zur ernährungsmedizinischen Beratung onkologischer Patienten dazugehören.

Sollten also idealerweise Onkologen und entsprechend qualifizierte Ernährungsfachkräfte von Anfang an Hand in Hand arbeiten?

Nicole Erickson: Ja, spezialisierte Diätassis­tenten sollten in der Onkologie Teil der multidisziplinären Teams sein. Idealerweise sollte jeder Krebspatient auf seinen Ernährungsstatus gescreent werden und anschließend eine ernährungsmedizinische Basisberatung sowie bei Bedarf auch individuelle Ernährungsempfehlungen erhalten.

Ist ein solches Ernährungsscreening aufwendig?

Nicole Erickson: Nein, überhaupt nicht. Es gibt verschiedene validierte Screeningtools, die ambulant und stationär eingesetzt werden können. Am häufigsten wird in deutschen Kliniken der NRS (Nutrition Risk Score) eingesetzt. Alle diese Tools sind einfach und schnell durchzuführen. Das dauert höchstens fünf Minuten. Weist das Screening auf ein erhöhtes Risiko für Mangelernährung hin, sollte für den betroffenen Patienten eine Ernährungsberatung bzw. eine Ernährungstherapie organisiert werden.

Die Zielsetzung ist, präventiv zu wirken?

Nicole Erickson: Genau, das ist ganz wichtig. Wir haben zum Beispiel kürzlich eine Arbeit veröffent­licht, die zeigt, dass Patienten mit Kolonkarzinom eine kürzere Überlebensdauer haben, wenn sie früh Gewicht verlieren. Das gilt auch, wenn die Patienten im weiteren Verlauf wieder zunehmen. Also: Es sollte frühzeitig präventiv interveniert werden.

Was genau heißt intervenieren?

Nicole Erickson: Nach dem Screening erfolgt im zweiten Schritt eine ausführliche Ernährungsanamnese, bei der u.a. Probleme der Nahrungsaufnahme und -verwertung identifiziert werden. Aber auch die individuellen Ernährungsvorlieben sowie familiäre und finanzielle Aspekte sind für die ätiologiebasierte Ernährungsberatung von großer Relevanz. Zielsetzung muss sein, für jeden Patienten eine individuelle Ernährungsstrategie zu entwickeln, die der Patient akzeptiert und umsetzen kann.

Können Sie einige Beispiele nennen, was Sie Patienten empfehlen?

Nicole Erickson: Das fängt bei der Essensvorbereitung und dem Anrichten der Nahrung an. Das Auge isst mit, das weiß jeder. Wenn jemand Schwierigkeiten beim Essen hat, dann gilt das umso mehr. Oft hilft es, wenn man kleinere Portionen appetitlich arrangiert. Nicht selten machen wohlmeinende Angehörige den Fehler, dem Krebskranken viel zu viel auf den Teller zu tun.

Ein anderer Aspekt sind Therapienebenwirkungen wie zum Beispiel Geschmacksstörungen. Manche Krebstherapien können einen metallischen Geschmack erzeugen, der die leckersten Speisen verdirbt. Diesen Patienten kann es helfen, wenn sie kein Metallbesteck benutzen oder einen Strohhalm anwenden. Oder auch ganz typisch bei Geschmacksstörungen: der Widerwillen gegen Fleisch. In diesen Fällen suchen wir gemeinsam mit dem Patienten nach geschmacklich akzeptablen Zubereitungsvarianten oder auch nach alternativen Nahrungsmitteln, mit denen sich der bei Krebserkrankungen erhöhte Proteinbedarf decken lässt.

Evidenzbasiert informieren

In Kooperation mit dem gemeinnützigen Verein „Eat What You Need e.V. – Allianz für bedarfsgerechte Ernährung bei Krebs“ betreiben Nicole Erickson und Kollegen vom CCC der LMU München die Webseite: www.was-essen-bei-krebs.de Auf dieser Webseite erhalten onkologische Patienten evidenzbasierte Informationen zur Ernährung und Tipps zum Management krebs- bzw. therapiebedingter Essprobleme. Auch eine individuelle Online-Beratung wird angeboten.

Wie bewerten Sie den Nutzen von Trinknahrung?

Nicole Erickson: Trinknahrung kann helfen, den individuellen Nährstoffbedarf zu decken. Man darf sich allerdings nicht drauf beschränken, dem Patienten irgendein Produkt zu verschreiben. Der Einsatz von Trinknahrung muss ernährungsmedizinisch begleitet werden und die richtige Anwendung besprochen werden. Es gibt eine enorme Produktvielfalt mit Blick auf Geschmack und Konsistenz. Die meis­ten Produkte werden als fertige Mahlzeit ergänzend zur normalen Ernährung angewendet, es gibt aber auch Produkte, mit denen sich Speisen anreichern lassen. Auch hier gilt es, für den individuellen Patienten die passende Lösung zu finden.

Wir haben viel davon gesprochen, wie Ernährungsberatung „idealerweise“ aussehen sollte. Was ist die Realität?

Nicole Erickson: Leider ist es so, dass viele onkologische Patienten keine ernährungsmedizinische Beratung erhalten. Weder ist es in deutschen Kliniken Standard, dass ein qualifizierter Ernährungsspezialist – zum Beispiel ein Diätassistent oder Ökotrophologe – zum onkologischen Team gehört, noch existiert im ambulanten Bereich ein flächendeckendes Netzwerk qualifizierter Ernährungsberatungsangebote. Ernährungsberatung bei Krebs gehört nicht zur Regelversorgung, was ein Hindernis für alle Beteiligten darstellt. Hier muss sich dringend etwas ändern. Die ernährungsmedi­zinische Begleitung von Krebspatienten sollte kein Luxus, sondern Standard sein.

Interview: Ulrike Viegener

Nicole Erickson, M.Sc., RD; Koordinatorin für onkologische Ernährungswissenschaften, Comprehensive Cancer Center der LMU München Nicole Erickson, M.Sc., RD; Koordinatorin für onkologische Ernährungswissenschaften, Comprehensive Cancer Center der LMU München © Stefan Wartini, LMU Klinikum, München
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