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Mehrheit der Intensivpatienten leidet an Mangelernährung

Autor: Kathrin Strobel

Trinknahrung wird von den Krankenkassen erstattet. Sie sollte in jedem Fall vollbilanziert sein. Trinknahrung wird von den Krankenkassen erstattet. Sie sollte in jedem Fall vollbilanziert sein. © Science Photo Library/ Brook, Robert
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Eine Mangelernährung sieht man nicht jedem Patienten gleich an. Auch stark Übergewichtige können betroffen sein. Das Problem ist durchaus relevant, denn es geht mit einer deutlich erhöhten Morbidität und Mortalität einher.

Wenn der Körper nicht ausreichend mit Vitaminen und Mineralstoffen versorgt wird, liegt eine qualitative Mangelernährung vor. In unseren Breitengraden und bei ausgewogener Ernährung sind diesbezüglich nur der Jod- und der Vitamin-D-Mangel relevant. Allerdings muss man insbesondere aufgrund der derzeit weitverbreiteten und vielfältigen „Ernährungshypes“ das Problem einer Minderversorgung mit Vitaminen und Mineralstoffen durchaus im Blick haben, betonte Privatdozentin Dr. ­Viola Andresen­ vom Israelitischen Krankenhaus Hamburg.

Deckt die Nährstoffzufuhr über längere Zeit nicht den Energiebedarf des Körpers, spricht man von quantitativer Mangel­ernährung. Etwa 2,5 % der Deutschen sind unter­ernährt – entweder aufgrund psychischer Erkrankungen oder weil körperliche Symptome bzw. organische Erkrankungen (z.B. Krebs, CED) die Nahrungsaufnahme behindern.

Kritische Nahrungskarenz vor Untersuchungen und Eingriffen

Ein weiterer Risikofaktor sind Krankenhausaufenthalte. Den Ergebnissen aus einer großen Kohortenstudie mit über 150 000 Patienten aus 61 Ländern zufolge ist in allen Bereichen der stationären Versorgung mit dem Risiko einer Mangel­ernährung zu rechnen. Das gilt es zu bedenken, und zwar insbesondere bei Patienten, bei denen aufgrund von Untersuchungen oder Eingriffen Nahrungskarenzen notwendig werden, erklärte die Expertin. In einer Metaanalyse von 20 Studien waren 38 bis 78 % der Patienten auf Intensivstationen mangel­ernährt. Betroffene mussten im Schnitt länger auf der Intensivstation bleiben, wurden häufiger erneut intensivpflichtig und starben öfter in der Klinik als andere Patienten.

Serumalbumin ermöglicht Einteilung in Schweregrade

Offenkundige Nachteile ergeben sich nicht nur für die direkt Betroffenen, sondern auch für die Krankenhäuser – denn durch längere Intensivaufenthalte und längere Verweildauern haben sie höhere Kos­ten. Prävention und Therapie von Mangel­ernährung lohnen sich also für alle Beteiligten, so Dr. ­Andresen. Daher ist es überaus wichtig, regelmäßig an das Risiko einer Mangel­ernährung zu denken, erklärte die Kollegin. Im Krankenhaus sollten im Idealfall alle Patienten bei der Aufnahme gescreent werden, empfahl die Expertin – und zwar umso häufiger, je kränker und je älter sie sind. Das funktioniert am besten mittels validierter Assessment-Verfahren. Für Krankenhäuser eignet sich beispielsweise das Nutritional Risk Screening (NRS), für das ambulante Setting kommt das Mal­nutrition-Universal-Screening-Tool (MUST) infrage.

Auch adipöse Patienten können mangelernährt sein. Bei einem relevanten Gewichtsverlust von mehr als 5 % oder gar mehr als 10 % sollte man in jedem Fall eine Mangel­ernährung abklären, auch wenn Körpergewicht und BMI erst einmal nicht daran denken lassen.

Bestimmte Laborwerte erlauben Rückschlüsse auf den Ernährungsstatus eines Menschen. Für den klinischen Alltag bietet sich vor allem das Serumalbumin an. Dieser Wert macht es zudem möglich, die Mangel­ernährung in Schweregrade einzuteilen:

  • 32–35 g/dl: mild
  • 28–32 g/dl: mäßig
  • < 28 g/dl: schwer

Ein weiteres Verfahren, mit dessen Hilfe sich der Ernährungszustand einschätzen lässt, ist die Body-Impedanz-Analyse. Dabei misst man elektrische Widerstände im Körper. Parameter, die die Methode erfasst, sind z.B. der Fett- und Muskelanteil im Körper sowie der Phasenwinkel.

Zunehmende Verbreitung wird in Zukunft vermutlich die Handkraftmessung mittels Hand-Dynamometer finden. Zwar setzt man sie bislang im klinischen Alltag kaum ein. Als fester Bestandteil im neuen OPS-Code „Ernährungsmedizinische Komplexbehandlung“ wird sie jedoch zunehmend an Bedeutung gewinnen, prophezeite die Kollegin.

In Studien kommen weitere Methoden zum Einsatz. Besonders genau sind morphometrische Verfahren mittels CT oder MRT. Für den klinischen Alltag eignen sich diese Verfahren jedoch nicht.

Zunächst nach Symptomen wie Schluckbeschwerden fragen

Die Therapie der Mangelernährung ist vielschichtig und muss an die individuelle Situation des Patienten angepasst werden. Nach der Identifikation einer drohenden oder bereits bestehenden Mangelernährung sollte man zuerst versuchen, die Begleitsymptome zu lindern, die die Nahrungsaufnahme beeinträchtigen (z.B. Schluckbeschwerden, Schmerzen). Die Anregung des Appetits durch Medikamente ist nicht generell zu empfehlen, erklärte Dr. ­Andresen.

Die eigentliche Ernährungsberatung und -begleitung erfolgt dann je nach Schweregrad durch Anreicherung des normalen Essens, die zusätzliche Gabe von Trinknahrung, über enterale Ernährung (­PEG/PEJ) oder über den parenteralen Weg. Vor allem bei stark mangelernährten Patienten kann es im Rahmen der Behandlung zum potenziell lebensbedrohlichen Refeeding-Syndrom kommen, was es vor Beginn der Therapie zu bedenken gilt.

Ein Tipp der Kollegin für die ambulante Betreuung: Bei nachgewiesener Mangelernährung und dem ärztlich dokumentierten Versagen einer alleinigen Ernährungsumstellung sollte eine vollbilanzierte Trinknahrung verschrieben werden – denn diese wird von den Krankenkassen erstattet. Dabei gilt es zu beachten, dass nicht alle hochkalorischen Präparate auch vollbilanziert sind.

Quelle: 29. Gastroenterologie-Update-Seminar (Online-Veranstaltung)

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