Fetales Alkoholsyndrom von ADHS abgrenzen

Autor: Maria Fett

Bis zu 30 % der Frauen trinken während der Schwangerschaft Alkohol und geben es zu. Bis zu 30 % der Frauen trinken während der Schwangerschaft Alkohol und geben es zu. © iStock/SHansche

Unaufmerksam, unruhig, impulsiv, vergesslich – bei solchen Auffälligkeiten liegt die Diagnose ADHS förmlich auf der Zunge. Dieselben Symptome zeigen aber auch Kinder mit einem fetalen Alkoholsyndrom.

Wie passend, dass die Häufigkeiten des fetalen Alkoholsyndroms (FAS) in Promille angegeben werden, scherzte Dr. Helmut­ Peters­. Wären die Zahlen nicht so erschreckend gewesen, hätte der ehemalige ärztliche Leiter des Sozialpädiatrischen Zentrums Mainz sicher mehr Lacher für seinen Einstieg bekommen. Bis zu 30 % der Frauen trinken hierzulande während der Schwangerschaft Alkohol. „Und geben es zu“, unterstrich Dr. Peters. Auf ähnliche Mengen kommen nur noch die US-Amerikanerinnen. Diese Trinklust geht natürlich nicht spurlos am Nachwuchs vorbei: Zwischen 10 000 und 26 000 Neugeborene kommen mit einer fetalen Alkoholspektrumstörung in Deutschland zur Welt – jedes Jahr. Allein 4000 davon gehen auf das FAS zurück.

Faziale Merkmale sind keinesfalls spezifisch

Für das Vollbild fetales Alkoholsyndrom müssen Auffälligkeiten aus allen vier Bereichen vorliegen (s. Kasten). Lassen sich Symptome aus einer Gruppe finden, sollten die drei anderen mit abgeklärt werden, riet der Kinderneurologe. Eine dünne Oberlippe und ein verstrichenes Philtrum zum Beispiel kommen zwar typisch bei Kindern mit FAS vor. Die fazialen Merkmale sind jedoch keinesfalls spezifisch für das Syndrom.

Das spricht für ein fetales Alkoholsyndrom

1. Wachstumsauffälligkeiten:
(mindestens eine)

  • Geburts- oder Körpergewicht < 10. Perzentile
  • Geburts- oder Körperlänge < 10. Perzentile
  • BMI < 10. Perzentile

2. faziale Zeichen:
(cave: nicht spezifisch!)

  • kurze, deutliche Falten im Augenbereich
  • Hautfalte am Augenwinkel
  • flaches Mittelgesicht
  • flacher Nasenrücken
  • kurze Nase
  • fehlendes Philtrum
  • schmale Oberlippe
  • schmaler Kiefer
  • leichte Ohrenabnormität

3. Auffälligkeiten des ZNS:
(mindestens eine)

  • funktionell, z.B. IQ < 70, große Leistungsminderung in mindestens drei Bereichen (Sprache, Aufmerksamkeit, Lern-/Merkfähigkeit, soziale Fertigkeiten/Verhalten, Feinmotorik ...)
  • strukturell, z.B. reduziertes globales Gehirnvolumen oder einzelner Regionen wie Corpus callosum, Nucleus caudatus

4. bestätigte oder nicht bestätigte intrauterine Alkohol­exposition

Noch deutlicher überlappen sich die funktionellen Auffälligkeiten. Probleme in Sprache, Feinmotorik, Lern- und Merkfähigkeit, Aufmerksamkeit oder in den räumlich-visuellen Fähigkeiten, – sie alle finden sich sowohl beim FAS als auch bei einer ADHS. Einige Experten sind deshalb der Ansicht, dass hinter der ein oder anderen ADHS-Diagnose ein fetales Alkoholsyndrom steckt. Dr. Peters forderte ausdrücklich dazu auf, beim Vorliegen der einen Diagnose immer auch die Diagnostik der anderen Erkrankung vorzunehmen.

ADHS-Patienten sind anfälliger für Alkoholabhängigkeit

Dieses Vorgehen wird jedoch dadurch erschwert, dass es außer „Symptomchecklisten“ keinen ausgewiesenen ADHS-Test oder ein technisches Verfahren gibt. Nach wie vor handelt es sich um eine klinische Diagnose, die u.a. eine sorgfältige Anamnese inklusive Fremdbeurteilungen, körperliche Untersuchungen (Sinnesorgane!) und eine psychologische Diagnostik plus IQ-Bestimmung beinhaltet. Wichtige Hinweise liefern zudem Komorbidiäten, die in jedem Alter auftreten und besonders bei Erwachsenen auffallen (s. Kasten).

Dahinter könnte eine ADHS stecken

Vor allem Erwachsene mit ADHS fallen durch Komorbiditäten wie Ängste, Zwänge, Insomnien und Depressionen auf. Diese können so stark in den Vordergrund treten, dass sie das Syndrom kaschieren. Eine solche depressive Symptomatik wird sich aber ohne adäquate ADHS-Therapie nicht behandeln lassen, erklärte Dr. Peters. Bei folgenden Auffälligkeiten sollten Sie eine ADHS abklären:

  • visuelle oder auditive Wahrnehmungsstörungen
  • Teilleistungsstörungen wie Dyskalkulie oder Legasthenie
  • Einnässen
  • Migräne
  • muskuläre Hypotonie (!)
  • Ungeschicklichkeit bzw. visuomotorische Auffälligkeiten
  • Delinquenz und Suchtverhalten

Im Gegensatz zum fetalen Alkoholsyndrom, bei dem die meist irreversiblen Schäden toxisch durch intrauterine Alkoholexposition zustande kommen, ist die Aufmerksamkeits-Defizit-Hyperaktivitäts-Störung eine teils genetisch bedingte Neurotransmitterstörung. Aus Studien geht hervor, dass Personen mit ADHS ein deutlich höheres Risiko für Abhängigkeiten tragen, vor allem für Substanzen wie Alkohol. Dieses erhöhte Suchtpotenzial prädes­tiniert natürlich für den Konsum während der Schwangerschaft – und ebnet so einem FAS den Weg, schloss Dr. Peters.

Quelle: 1. Jahrestagung der VIFF*

*Vereinigung für interdisziplinäre Frühförderung