Immer weniger deutsche Diabetologen nehmen an internationalen Kongressen teil

Autor: Prof. Dr. Lutz Heinemann/ Dr. Andreas Thomas/ Dr. Dorothee Deiss

Auch beim europäischen ATTD-Kongress sind die Redner in der Mehrzahl aus den USA. © iStock/TommL

In den letzten Jahrzehnten war der Besuch internationaler Kongresse für viele deutsche Ärzte selbstverständlich. Doch die Teil­nehmerzahlen gehen zurück. Eine Ursachen-Analyse.

Schaut man sich beim aktuellen ATTD-Kongress in Wien die Namensliste der ca. 3000 Teilnehmer an, dann fällt auf, dass von den 229 Teilnehmern aus Deutschland die überwiegende Anzahl Mitarbeiter von Firmen sind. Von den 20 Diabetologen ist ein Teil zu Vorträgen beim ATTD eingeladen (so auch Dr. Dorothee Deiss und Professor Dr. Lutz Heinemann). Im Endeffekt haben wir nicht sicher abklären können, wie viele (oder besser: wie wenige) deutsche Diabetologen aus reinem Interesse ohne aktiven Kongressbeitrag gekommen sind, um sich über aktuelle Entwicklungen zu informieren.

Wenn die Situation beim ATTD so ist, wie wird es in Zukunft mit der deutschen Beteiligung beim ADA- oder EASD-Kongress aussehen? Gleichzeitig erfahren die spezialisierten Kongresse und Fortbildungsveranstaltungen (wie auch der DiaTec) innerhalb Deutschlands regen Zulauf. Gibt es hier wieder eine Verschiebung zurück zu hochrangigen nationalen Veranstaltungen?

Der Diabetologe ist gezwungen gut zu überlegen

Beginnen wir mit der Regel und betrachten dann die Ausnahme:

Für Angestellte einer Universitätsklinik gab es bis vor Kurzem einen gewissen Etat aus Drittmitteln für die Teilnahme an solchen Fortbildungen. Angestellte in Schwerpunktpraxen oder diabetologischen Versorgungszentren hatten dies meist nicht zur Verfügung, selbst bei wissenschaftlicher Tätigkeit bzw. Interesse. Dies bedeutet für den Diabetologen, dass er in der Regel alles aus eigener Tasche bezahlen muss, d.h. Kosten für Flug, Unterkunft, Essen, Transport und Kongressgebühren. Der Kollege wird sich sehr gut überlegen, welche Fortbildungen er sich pro Jahr leisten kann und was ihm am meisten bringt. Wenn man sich für die fachlich wichtigsten Kongresse entscheiden würde, könnte es sein, dass zeitlich und finanziell kein Urlaub mehr möglich ist. An einem so teuren Kongress wie dem ATTD-Kongress können deshalb nur wenige deutsche Diabetologen auf eigene Kosten teilnehmen.

Wer kann an (internationalen) Kongressen noch teilnehmen?

Eine „Nebenwirkung“ der Vorgaben von MedTech Europe im Rahmen von Antikorruptionsmaßnahmen, die die Teilnahme an Kongressen betreffen, ist, dass die Firmen nur noch Diabetologen einladen dürfen, wenn diese bestimmte Aufträge erfüllen. Da dies für Länder wie die Türkei, Russland oder Polen nicht zutrifft, gibt es beim ATTD-Kongress eine Reihe von Kollegen aus solchen Ländern, deren Teilnahme gesponsert wurde. So richtig und nachvollziehbar die Anti-Korruptionsvorgaben auch sind: Dann sollte der „Staat“ (welche neutrale Stelle dies auch immer ist) eine Unterstützung von Kongressreisen bereitstellen, es gibt ja die Pflicht zur Fortbildung.

Finanzierung von Kongressen

Wenn weniger Teilnehmer kommen, dann fehlen den Organisatoren nicht nur deren Eintrittsgelder, die Veranstaltungen werden auch weniger attraktiv für Firmen (weil weniger Kundenkontakte). Diese kommen dann auch entweder gar nicht mehr zu dem jeweiligen Kongress oder die Stände werden kleiner. Dies kann man jetzt aus unterschiedlichen Warten bewerten. Klar ist aber, es gibt weniger Fortbildungsmöglichkeiten. Europa im Allgemeinen und Deutschland im Speziellen schotten sich in einem gewissen Ausmaß vom Fortschritt ab.

Fortbildung in Zukunft

Beim ATTD-Kongress stößt das „ATTD-Yearbook“, welches von einer Reihe von Experten zu allen relevanten Themen erstellt wird, immer auf sehr großes Interesse. Die zugehörige Sitzung beim ATTD-Kongress am Freitagmittag ist mit die am besten besuchte Veranstaltung des gesamten Kongresses. Deshalb könnte es eine Idee sein, jährlich ein Update zur Diabetestechnologie in Deutsch zu publizieren. Wir, d.h. zwei oder drei Menschen, würden die Herausgeber und für die verschiedenen Themengebiete Kollegen bitten, entsprechende Fachbeiträge zu erstellen. Dabei sollen diese in einer einheitlichen Form erstellt werden und die Kernaussagen wiedergeben. D.h., kurz und knackig die wichtigsten Aussagen referieren (damit das Jahrbuch lesbar bleibt und nicht zu lang wird).

Situation in anderen Ländern

US-Amerikaner sind aufgrund ihrer finanziellen Drittmittelmöglichkeiten schlicht in einer viel besseren Situation. Obwohl der ATTD-Kongress vor elf Jahren als europäischer Diabetestechnologie-Kongress gestartet war, kommt inzwischen die mit Abstand größte Teilnehmergruppe aus den USA (sie hat auch über 60 % der Redner gestellt).

Vermutlich hat dabei keiner der Redner oder Teilnehmer aus den USA die Reisekosten nach Österreich aus eigener Tasche bezahlt. Soviel zu ­Antikorruption!

Warum gibt es so viele US (UK)-Redner bei Kongressen?

Zum einen ist die sprachliche Barriere bei englischsprachigen Kongressen nicht zu unterschätzen. Das Selbstwertgefühl, die Eloquenz, die Überzeugungskraft und Spontanität ist für jeden Redner aus einem nicht Englisch sprechenden Land in den allermeisten Fällen reduziert im Vergleich zu denen, die in der üblichen Kongresssprache Englisch, also ihrer Muttersprache reden können. Dieses Problem ist aber für viele nicht nachvollziehbar. Zum anderen wird der Dia­betestechnologie in den USA schon länger (ca. zehn Jahre) ein höherer Stellenwert eingeräumt als in Europa.

Was können wir tun/ wie geht es weiter?

Möglicherweise wird diese sich beim ATTD-Kongress zeigende Entwicklung bald auch auf diversen anderen europäischen Kongressen (z.B. dem EASD-Kongress) sichtbar. Möglicherweise ist dann der Kongress nicht mehr das vordergründige Mittel zum schnellen und umfassenden Wissenserwerb (gleichzeitig gibt es die Verpflichtung zur Fortbildung/ dem Sammeln von CME-Punkten). Moderne Möglichkeiten der Digitalisierung wie WebEx-Sessions oder ­e-Learning – problemlos auch auf dem SmartPhone verfügbar – lassen so etwas bekanntlich zu.

Momentan fehlt häufig noch die Bereitschaft, diese Dinge anzunehmen. Die derzeitigen Kongressteilnehmer bevorzugen noch eindeutig die konventionelle Form der Fortbildungsveranstaltungen. Die nächste Generation von Ärzten wird einen e-Kongress wahrscheinlich als normal ansehen. Dass darunter der direkte Kontakt leidet, die wichtige Komponente des Face-to-Face-Austauschs, das steht außer Frage.