Jeder zweite Tumorpatient unter Therapie ist mangelernährt

Autor: Dr. Andrea Wülker

Viele schätzen ihr Gewicht falsch ein. Daher sollte man Krebskranke regelmäßig wiegen. © iStock.com/baona

Ein guter Ernährungszustand verlängert bei Krebspatienten das Gesamtüberleben und senkt das Risiko von Spättoxizitäten. Auch bei Übergewichtigen gilt es, den Gewichtsverlust aufzuhalten.

Mangelernährung ist bei onkologischen Patienten weit verbreitet – und zwar nicht nur bei Untergewichtigen. Auch übergewichtige und adipöse Kranke können ein Defizit an einzelnen oder mehreren Makro- und Mikronährstoffen aufweisen, schreiben Nicole Erickson vom Krebszentrum München und Kolleginnen.

Zur Entwicklung einer Mangel­ernährung beim Tumorpatienten tragen verschiedene Faktoren bei:

  • inflammatorische Stoffwechsellage
  • gastrointestinale Störungen (Stomatitis/Mukositis, Blähungen, Durchfall, Passagestörungen etc.)
  • Veränderungen des Appetits und des Ernährungsverhaltens (z.B. durch psychische Belastung, Nebenwirkungen von Medikamenten, Schmerzen)

Die verminderte Nahrungsaufnahme führt zu einem Verlust an Gewicht und insbesondere an Muskelmasse. Gewichtsabnahme und Mangelernährung beeinträchtigen das Immunsystem, was den Gesundheitszustand zusätzlich beeinträch­tigt. Bei vielen Krebspatienten kommt ein Fatigue-Syndrom hinzu, das Aktivitäten wie Bewegung, Kochen und Essen einschränkt und einen weiteren Muskelverlust begünstigt.

Eine retrospektive Analyse von über 1500 Patienten mit Magen-Darm-Tumoren ergab ein reduziertes Gesamtüberleben von Patienten mit Mangelernährung. Der schlechte Ernährungszustand ging nicht nur mit einer signifikant geringeren Lebensqualität einher, sondern auch mit häufigeren dosis­limitierenden Nebenwirkungen und vermehrten Rezidiven. Gelang es den Betroffenen, die Gewichtsabnahme zu stoppen, besserte sich ihr Gesamt­überleben gegenüber denjenigen, die immer weiter abnahmen. In einer anderen Untersuchung, die mehr als 8000 Teilnehmer mit unterschiedlichen Tumorentitäten umfasste, wiesen Personen mit einem stabilen BMI über 25 kg/m2 die geringste Mortalität auf.

Mangelernährung erkennen

Eine Mangelernährung lässt sich mithilfe validierter Screening- und Assessment-Instrumente rasch erfassen. Die Autorinnen nennen hier u.a.

  • das Nutritional Risk Screening (NRS),
  • das Malnutrition Universal Screening Tool (MUST),
  • das Patient-generated Subjec­tive Global Assessment (PG-SGA).

Die laborchemische Bestimmung von Albumin, Präalbumin und Transferrin erlaubt Rückschlüsse auf die Proteinversorgung des Patienten. Weitere relevante Parameter sind Trizeps- und Taillenmessungen, der Hand Grip Strength Test und die Bioelektrische Impedanzanalyse (BIA).

Empfohlene Energiezufuhr: 25–30 kcal pro kg KG und Tag

Bei vielen Krebspatienten kommt es zu einem Verlust an Muskelmasse. Die Sarkopenie geht mit einem schlechteren krankheitsfreien und progressionsfreien Überleben einher, auch bei übergewichtigen Patienten. Gelingt es, die Gewichtsabnahme aufzuhalten, steigt die Lebensqualität der Patienten und ihre Prognose verbessert sich. Eine individuelle Ernährungsberatung und -therapie trägt oft zu einem besseren Ernährungsstatus von Tumorpatienten bei. Studien belegen, dass eine intensive Begleitung zumindest bei einem Teil der Betroffenen den Gewichts- und Muskelmasseverlust stoppen, zumindest aber bremsen kann.

Bleibt die Frage, wie viel Krebspatienten essen sollen. Als Faustregel – ausgehend vom aktuellen Körpergewicht – gilt beim Krebskranken folgende Empfehlung für die Energiezufuhr: 25–30 kcal pro kgKG und Tag. Da viele Patienten ihr Gewicht falsch einschätzen, sollte man sie im Krankheitsverlauf immer wieder auf die Waage stellen.

Bei Patienten, die viel Gewicht verloren haben, lange an Durchfall oder Erbrechen gelitten oder mehr als eine Woche lang nichts gegessen haben, ist ein vorsichtiger Ernährungsaufbau mit langsamer Steigerung der Energiezufuhr erforderlich: Am besten beginnt man mit 10 kcal pro kg KG täglich und steigert dann je nach Verträglichkeit schrittweise um 5 kcal pro kg KG pro Tag, um ein Refeeding-Syndrom zu vermeiden. Unter diesem Begriff versteht man die teils lebensbedrohlichen Komplikationen wie Elektrolytstörungen und Ödeme, die bei zu schneller Zufuhr einer kalorienreichen Ernährung auftreten können. Ist eine künstliche Ernährung erforderlich – z.B. in Form von oraler Trinknahrung, enteraler oder parenteraler Ernährung – sollte diese von einer entsprechenden Beratung begleitet werden.

Quelle: Erickson N et al. Ernährungs Umschau 2018; 12: M686-M694