Jüngere entwickeln häufiger Darmkrebs – Screening-Alter herabsetzen?

Autor: Friederike Klein

Eine CRC-Vorsorge sollte abhängig des biologischen Alters und von Komorbiditäten überprüft werden, heißt es in der deutschen Leitlinie von 2017. Eine CRC-Vorsorge sollte abhängig des biologischen Alters und von Komorbiditäten überprüft werden, heißt es in der deutschen Leitlinie von 2017. © iStock/Portra

Noch findet sich in den deutschen Leitlinien die Empfehlung, asymptomatische Personen erstmals ab dem 50. Lebensjahr auf Darmkrebs zu untersuchen. In den USA ist man schon einen Schritt weiter und trägt damit der steigenden Inzidenz bei jüngeren Menschen Rechnung. Doch auch ein Umdenken bei den Ärzten ist gefragt.

Drei von vier Teilnehmer einer international durchgeführten Studie gaben an, dass sie mindestens zwei verschiedene Ärzte aufsuchen mussten, bevor sie die Diagnose Darmkrebs erhielten.1 Etwa jeder Fünfte hatte sogar erst nach vier oder mehr Konsultationen Gewissheit – trotz der Tatsache, dass 81 % der insgesamt 885 Befragten Minimum drei typische Symptome aufwiesen, allen voran Blut im Stuhl, Fatigue oder Blähungen, berichtete Dr. Laura­ Porter­ von der Colorectal Cancer Alliance in Washington. Offenkundig hätten ihre Kollegen die Zeichen häufig als Beschwerden von Hämorrhoiden, einer Anämie, eines Reizdarmsyndroms oder als psychosomatisch abgetan.

Inzidenz steigt bei Jüngeren und sinkt bei Älteren

Besonders die 30–49-Jährigen hatten zudem den Eindruck, ihre Symptome seien aufgrund ihres Alters von den Ärzten nicht ernst genommen worden. Ein fataler Trugschluss, wie sich herausstellte. Zum Zeitpunkt der Diagnose war bei vielen von ihnen die Erkrankung bereits in einem fortgeschrittenen Stadium (vgl. Abbildung). Fast ein Drittel wies Lebermetastasen auf, knapp 6 % Lungenmetastasen und mehr als die Hälfte Tochtertumoren an mehreren Lokalisationen, betonte Dr. Porter. 

In den USA steigt die Inzidenz kolorektaler Karzinome (CRC) unter Jüngeren seit Jahren kontinuierlich. Das gesetzliche Darmkrebs-Screening berücksichtigt die unter 50-Jährigen allerdings nicht. Zum Vergleich: Bei den darin inkludierten älteren Personen sinkt die Zahl der Darmkrebs-Diagnosen. Ein vergleichbares Bild zeichnet sich für die Mortalität, sagte Professor Dr. Swati­ G. Patel­, Präventionsforscherin an der University of Colorado Denver. Gemäß einer Analyse von Daten aus der US-amerikanischen SEER-Datenbank geht mittlerweile jeder dritte krebsbezogene Todesfall bei Menschen bis zum 50. Lebensjahr auf das Konto kolorektaler Karzinome zurück.2 Dies entspricht 1,67 Fällen pro 100 000 Einwohnern. Brust- und Lungenkrebs führen die Liste an. Dabei steigen die CRC-Mortalitätsraten der 20- bis 54-Jährigen seit 2004 jährlich um 1 % auf zuletzt 4,3 Fälle pro 100 000 Personen in 2014.3 Unter jüngeren Patienten nimmt insbesondere die Inzidenz von Karzinomen des linken Kolons sowie von Rektumkarzinomen zu.4 Es gibt einige Unterschiede im Vergleich von vor versus nach dem 50. Lebensjahr diagnostizierten CRC, führte Prof. Patel aus. Zum Beispiel waren die Tumoren von jüngeren Patienten zum Diagnosezeitpunkt häufiger symptomatisch als bei Personen jenseits der 50. Eine Beobachtung, die bereits ihre Vorrednerin Dr. Porter beschrieb. Auch litten die Betroffenen länger unter ihren Beschwerden. Zwischen Symptombeginn und Befund lagen im Schnitt 243 Tage (im Vergleich zu 154 Tagen, was sich ein weiteres Mal in einem höheren Anteil an fortgeschrittenen Karzinomen widerspiegelte: 61–89 % wiesen Tumoren der Stadien III und IV auf gegenüber 30–63 % bei älteren Patienten. Mit 34 % hatten etwa eineinhalb Mal so viele Personen unter 50 Jahren eine positive Familienanamnese als die über 50-Jährigen mit 19 %. Eine pathologische Keimbahnmutation fehlte bei 84 % von ihnen. In puncto Risikofaktoren für ein CRC fand man keine Unterschiede: Adipositas, eine fett- und kalorienreiche „westliche“ Ernährung, ein überwiegend sitzender Lebensstil und starkes Rauchen (≥ 20 Packungsjahre). Ob die Zunahme dieser Trigger allerdings für den Anstieg der Inzidenz und Mortalität alleine verantwortlich ist, bleibe unklar, so Prof. Patel. Möglicherweise spielen auch immunologische Faktoren eine Rolle, etwa die Zunahme inflammatorischer und atopischer Erkrankungen. In den USA hat man schon vor Längerem auf diese Entwicklung reagiert. Die American Cancer Society aktualisierte bereits 2018 ihre Leitlinie, demgemäß ein Darmkrebs-Screening unabhängig etwaiger Risikofaktoren ab dem 45. Lebensjahr beginnen sollte.5 Auch die United States Preventive Services Task Force überarbeitet derzeit ihre Empfehlungen. Diese sind Voraussetzung für die Kostenübernahme durch eine Krankenversicherung.

Absolute Zahl der Patienten unter 50 Jahren bleibt niedrig

Vor dem Hintergrund, dass die Darmtumoren umso aggressiver wüten, je jünger die Betroffenen sind, stellt sich die Frage: Wäre eine noch zeitigere Früherkennung anzuraten? Nicht für jeden, hielt Professor Dr. Lisa­ Boardman­ von der Mayo Clinic in Rochester dagegen. Die absolute Zahl der Patienten sei so gering, dass sich ein unselektiertes Screening hinsichtlich der Kosten-Nutzen- und Risikoabwägung kaum vertreten ließe. Sie riet jedoch dazu, bei allen jüngeren Patienten die Familienanamnese für Darmkrebs und assoziierte Karzinome zu erheben. Auf dieser Basis könne man eine Früherkennungsuntersuchung auch vor dem 45. Lebensjahr rechtfertigen.

Quellen:
1. Porter L et al. J Clin Oncol 2021; 39: Abstract 5
2. Bhandari A et al. J Investig Med 2017; 65: 311–315; DOI: 10.1136/jim-2016-000229
3. Siegel RL et al. JAMA 2017; 318: 572–574; DOI: 10.1001/jama.2017.7630
4. Patel SG, Boland CR. Gastrointest Endosc Clin N Am 2020; 30: 441–455; DOI: 10.1016/j.giec.2020.03.001
5. Wolf AMD et al. CA Cancer J Clin 2018; 68: 250–281; DOI: 10.3322/caac.21457

Porter L, Patel SG, Boardman L. 2021 Gastro­intestinal Cancers Symposium (virtual)