Mit Qigong Schmerzen lindern und den Bewegungsapparat kräftigen

Autor: Dr. Alexandra Bischoff

Durch die fließenden Bewegungen findet man nicht nur zu seinem Ruhepol, sondern auch zu einem schmerzfreien Körper. Durch die fließenden Bewegungen findet man nicht nur zu seinem Ruhepol, sondern auch zu einem schmerzfreien Körper. © iStock/Ulza

Berge, Seen, Tiere – der inneren Vorstellungskraft sind bei Qigong keine Grenzen gesetzt. Die meditative Bewegungstherapie lindert chronische Schmerzen und gibt dem Patienten zudem eine gewisse Eigenverantwortung zurück.

Ein einziges Therapieverfahren bringt bei chronischen Schmerzpatienten meist wenig. Aufgrund des komplexen biopsychosozialen Krankheitsmodells bedarf es vielmehr einer Kombination aus Medikamenten, Physiotherapie und Psychotherapie. Zum multimodalen Therapiekonzept gehört auch die Anleitung zur Selbsthilfe, um die Eigenverantwortung der Patienten zu stärken, schreibt Dr. Petra­ Schwinn von der Tagesklinik für Schmerztherapie der Klinik Schongau.

Dies gelingt neben physiotherapeutischen Heimübungen und klassischen Entspannungstechniken auch mithilfe von fernöstlichen Methoden wie Akupressur, Yoga oder Qigong (fälschlicherweise oft mit Tai-Chi-Chuan gleichgesetzt). Die Übungen im Sitzen, Liegen, Stehen oder Gehen können individuell angepasst werden und sind für jedes Alter geeignet. Wichtig ist nur, dass der Patient dabei keine Schmerzen empfindet. Anfänger beginnen meist mit Übungen in Bewegung wie beispielsweise der „Kranich­übung“ oder dem „Spiel der Tiere“, die weich fließend ähnlich leichten Dehnübungen sind und die Beweglichkeit verbessern. Dabei sollten sie auf eine tiefe Bauchatmung achten und sich mittels ihrer Vorstellungskraft auf bestimmte Körperregionen sowie innere Bilder (z.B. See, Berge, Tiere) oder Begriffe wie Ruhe, Stille und Entspannung konzentrieren.

Arbeit mit dem Qi

Qigong ist neben Akupunktur, Arznei­therapie, Tuina (eine Art manuelle Therapie) und Diätetik eine der fünf Säulen der traditionellen chinesischen Medizin. Im chinesischen bedeutet Qigong die „Arbeit mit dem Qi“, die mittels bestimmter Körperhaltungen, Bewegungen, Atemtechniken sowie Meditation das Qi („Lebenskraft“) im Körper zur Förderung des Selbstheilungsprozesses wieder ankurbeln soll. Denn Schmerz ist nach dieser Auffassung die Stagnation des Qi in den Leitbahnen.

Die Wirkung kann durch Selbstmassagen vor oder nach den Übungen zusätzlich verstärkt werden. Einmal durch einen ausgebildeten Anleiter richtig erlernt kann Qigong ohne Hilfsmittel überall selbstständig praktiziert werden und unterstützt somit das Schmerztherapiekonzept hinsichtlich Eigenverantwortung und Selbstkontrolle. Fortgeschrittene praktizieren zusätzlich „Qigong in Ruhe“, wobei nur äußerlich Ruhe herrscht, innerlich hingegen Bewegung und Zirkulation.

Neben einer Dehnung der Muskulatur verbessert das meditative Verfahren das Gleichgewicht, die Koordination, die Beweglichkeit sowie das Wohlbefinden und senkt den Sympathikotonus durch tiefe Atmung und Ruhebilder. Wer „wie eine Kiefer steht“ berücksichtigt viele in der Rückenschule wichtigen Aspekte. Studien konnten einen positiven Effekt bei Migräne, Spannungskopfschmerzen und Stress nachweisen sowie eine Kräftigung des Bewegungsapparats. Bei der Therapie der Fibromyalgie wird Qigong sogar ausdrücklich empfohlen (Evidenzgrad 1a).

Quelle: Schwinn P. Schmerzmedizin 2019; 35: 32-36; DOI: doi.org/10.1007/s00940-019-1153-y