Nach einem Giftschlangenbiss die Wunde keinesfalls aussaugen und abbinden!

Autor: Maria Fett

Bisse von Klapperschlangen kommen hierzulande zunehmend häufiger vor. © fotolia/Rusty Dodson

Auf den Ernstfall fühlte sich der Klapperschlangenfan gut vorbereitet. Als das Reptil zuschnappte, griff er sofort zu Skalpell und Taschenpumpe. Doch so darf die Erstversorgung von Giftschlangenbissen freilich nicht ablaufen.

Ein steriles Skalpell legt sich der 54-Jährige immer dazu, wenn er die Terrarien seiner Klapperschlangen reinigt. Der erfahrene Halter kennt die Gefahren und glaubt zu wissen, wie er im Notfall reagieren muss. Als ihn eine seiner Liebsten in die Endphalanx des linken kleinen Fingers beißt, verfärbt sich die Stelle innerhalb weniger Minuten tiefblauviolett und vergrößert sich um das Dreifache.

Der Mann schneidet die Wunde ein und entfernt mit einer Taschenpumpe so viel Gift wie möglich. Anschließend kühlt er den Bereich und hält ihn ruhig. Trotzdem breitet sich die schmerzhafte Schwellung bis hin zur Schulter aus.

Bisse von Klapperschlangen kommen hierzulande zunehmend häufiger vor, genaue Zahlen gibt es jedoch nicht. Weil immer mehr Menschen exotische Tiere züchten, rät Dr. Andreas­ Montag­ aus der Hamburger Praxis für Dermatologie und Venerologie dazu, sich mit der Erstversorgung von Bissunfällen vertraut zu machen.

Panik wirkt sich negativ auf den Verlauf aus

„Zumindest die Telefonnummer der örtlichen Giftnotrufzentrale sollten Sie kennen.“ Aktuelle Leitlinien raten strikt davon ab, dem Beispiel des 54-Jährigen zu folgen. Die Wunde einfach einzuschneiden und mit einer handelsüblichen Taschenpumpe auszusaugen, sieht der Dermatologe als zu unsicher an, direktes Aussaugen sei sogar gefährlich. „Kleinste Mundschleimhautverletzungen des Ersthelfers könnten ihn in Lebensgefahr bringen.“ Hier muss umgehend tropenmedizinisches Personal ans Werk, das über den Einsatz eines vielleicht überlebenswichtigen Antivenoms entscheidet.

Kollegen haben v.a. zwei wichtige Aufgaben: Zuerst müssen sie den „Täter“ identifizieren. Fotos auf dem Smartphone helfen, oder die Betroffenen beschreiben die Tiere. Im Zweifel wissen die Experten der örtlichen Giftnotrufzentrale, um welche Gattung es sich handelt. Viele Patienten reagieren zudem mit Panik und Todesängsten auf einen Angriff, was sich negativ auf den klinischen Verlauf auswirkt. Deshalb sollten Kollegen sie nachhaltig beruhigen.

Zähnchenanzahl entscheidet über Toxizität

Bissunfälle treten besonders häufig auf, wenn Halter ihre Schlangen füttern oder die Terrarien reinigen. Wie toxisch ein Angriff ist, hängt u.a. von chemischer Zusammensetzung, Menge und Dosis des Giftes ab. Da Schlangen zwischen Mensch und Beute nicht unterscheiden können, gilt beim Füttern besondere Vorsicht. Die Tiere attackieren das „Fleisch“ in Tötungsabsicht mit einem Vollbiss (zwei Zähne), wobei sie ihre komplette toxische Wirkung entladen. Im Gegensatz dazu kommt im Abwehrbiss deutlich weniger oder gar kein Gift zum Einsatz. Hierfür nutzen Schlangen nur einen Zahn. Handschuhe aus besonderen Materialien wie Kevlar schützen nur zum Teil vor einem Biss.

Dr. Montags Patient kommt schließlich am fünften Tag nach dem Biss in die Praxis. Wenngleich die Wunde mittlerweile deutlich weniger Schmerzen bereitet, hat sich die Fingerkuppe zwischenzeitlich dunkel verfärbt. Das betroffene Gewebe ist hart, schmerzlos und taub. Auch lässt sich das Endgelenk des Fingers kaum mobilisieren, aktive Bewegungen von Ellenbogen und Schulter bereiten Schmerzen. Weil keine systemischen oder neurologischen Komplikationen vorliegen, schickt ihn Dr. Montag umgehend zu den Kollegen der Ambulanz des örtlichen Tropenkrankenhauses. Sie schienen den linken Arm für weitere fünf Tage, wodurch schließlich auch die letzten Symptome verschwinden.

Jeder Biss birgt Lebensgefahr

Trotz des glimpflichen Ausgangs mahnt Dr. Montag, Bisse von Giftschlangen immer als lebensbedrohliche Notfälle anzusehen. Die enthaltenen Zytotoxine zerstören Gewebs- und Gefäßwände oft unmittelbar nach einer Attacke, es folgen Schwellungen, Blasen sowie kleinfleckige Einblutungen in Haut und Schleimhäuten. Schlimmstenfalls entstehen irreparable Nekrosen, die zum Extremitätsverlust führen.

Quelle Text: Montag A. „Klapperschlangenbiss in einer deutschen Großstadt“ Flug u Reisemed 2017; 24: 269-272, DOI 10.1055/s-0043 -123063 © Georg Thieme Verlag, Stuttgart