Polypharmazie löste Lithiumintoxikation aus

Autor: Michael Brendler

Die Indikation zur Lithiumtherapie muss bei älteren Patienten mit Multimedikation immer sorgsam geprüft werden. Die Indikation zur Lithiumtherapie muss bei älteren Patienten mit Multimedikation immer sorgsam geprüft werden. © iStock/Trifonenko

Lithium gilt als probates Medikament bei bipolaren Störungen. Eine alte Dame erhielt das Antipsychotikum jedoch gegen ihre Depressionen. Fatalerweise war es nicht das einzige Medikament, das sie schluckte.

Es waren vor allem das Händezittern und die Sprachstörungen, die Irene Scholz vom Universitätsklinikum für Allgemeine Innere Medizin des Inselspitals Bern und ihre Kollegen auf die richtige Spur brachten. Beide Symptome waren vor zehn Tagen erstmals aufgetreten und wollten zu den anderen Beschwerden der 85-Jährigen nicht so recht passen. Allgemeine Schwäche, wässrige Diarrhö und Inappetenz hatten sie auf die internistische Station geführt. Die Laborwerte sprachen für eine mittelgradige Niereninsuffizienz.

Der Blick auf den langen Medikamentenzettel der alten Dame lieferte eine mögliche Erklärung für das Beschwerdebild. Seit ungefähr zehn Jahren nahm sie gegen ihre Depressionen einmal täglich 660 mg Lithiumsulfat – was deutliche Spuren im Blut hinterlassen hatte. 2,1 mmol/l des Leichtmetalls fanden die Ärzte in einer Probe.

Das Antipsychotikum besitzt nur eine gringe therapeutische Breite von 0,5–1,2 mmol/l. Bei älteren Patienten können schon Effekte ab 0,4 mmol/l beobachtet werden. Mit Werten > 1,5 mmol/l stehen die Chancen gut für erste Vergiftungssymptome. Entsprechend interpretierten Scholz et al. das Krankheitsbild ihrer Patientin als mittelschwere Lithiumintoxikation bei eingeschränkter Nierenfunktion.

Komedikation als Triggerfaktor

Als Trigger der Vergiftung vermuteten sie zwei Medikamente, die die 85-Jährige erst seit Kurzem einnahm: den COX-2-Hemmer Etoricoxib und ein Hydrochlorothiazid/Amilorid-Kombipräparat. Beide können die Elimination von Lithium stören. COX-2-Hemmer reduzieren die renale Perfusion, Diuretika sollten generell nicht zusammen mit dem Antipsychotikum verschrieben werden.

Eine Besonderheit in der Lithiumtherapie hochbetagter Patienten ist, dass sie bei gleicher Dosis oft höhere Spiegel als jüngere erreichen. Grund dafür sind altersbedingte körperliche Veränderungen, z.B. die verlangsamte renale Ausscheidung.

Wer sich also für eine Therapie mit Lithium bei alten Menschen entscheidet, sollte die Tagesdosis um 25–50 % herunterschrauben. Nierenfunktion und Lithiumspiegel gilt es zudem, immer wieder zu kontrollieren.

Symptome der Lithiumintoxikation

Eine Lithiumvergiftung kann sich ganz unterschiedlich bemerkbar machen. Neurologisch-psychiatrisch reichen die Symptome von Tremor, Hyperreflexie und unfreiwilligen muskulären Kontraktionen bis zur Ataxie. Auch Verwirrtheit, Schläfrigkeit, Schwäche und Nystagmus können auftreten.
Kardiovaskulär
sind häufig Arrhythmien wie QT-Verlängerung zu beobachten, gastrointestinale Symptome sind Diarrhö und Erbrechen.
Sehr schwere Vergiftungen können über Krämpfe und Koma bis zum Tod führen.

Genau die Indikation für das Antipsychotikum prüfen

Zudem sollten Situationen vermieden werden, welche die Nierenfunktion beeinträchtigen, etwa Dehydratation oder die Gabe nephrotoxischer Arzneistoffe.

Kommt es wie im vorliegenden Fall doch zu einer Intoxikation, kann man die Symptome relativ schnell in den Griff bekommen. Irene Scholz und ihre Kollegen pausierten zunächst sämtliche Medikamente einschließlich des Lithiums. Binnen 48 Stunden normalisierte sich dessen Serumkonzentration. Dank rehydrierenden Maßnahmen war die Nierenfunktion der alten Dame schnell wiederhergestellt.

Die Indikation zur Lithiumtherapie muss bei älteren Patienten mit Multimedikation immer sorgsam geprüft werden, fordern die schweizerischen Kollegen. 

Quelle: Scholz I et al. Swiss Med Forum 2018; 18: 670-671