Sie zittert und stürzt, er friert fest – Geschlechterunterschiede bei Parkinson

Autor: Dr. Elke Ruchalla

Lange hat man sich um geschlechtsspezifische Krankheitsunterschiede nicht gekümmert. Doch die Zeiten sind vorbei. © Monster Ztudio – stock.adobe.com

Geschlechterunterschiede lassen sich beim Parkinson nicht von der Hand weisen. Männer und Frauen zeigen teilweise andere Symptome, die sich wiede­rum zu unterschiedlichen Zeitpunkten manifestieren. Sogar Risikofaktoren scheinen sich nicht gleich auszuwirken. Wesentlich beteiligt daran könnte Östrogen sein.

Der zunehmende Untergang dopaminerger Nervenzellen in der Substantia nigra ist die Hauptursache des Parkinson – bei beiden Geschlechtern. Männer erkranken allerdings etwa doppelt so häufig wie Frauen und bei Frauen schreitet die Neurodegeneration schneller bis zum Endstadium voran.

In jüngster Zeit mehren sich die Hinweise, dass der Krankheitsverlauf eine Frage des Geschlechts sein könnte, schreiben Dr. Silvia­ Cerri­ und Kollegen vom Laboratory of Cellular and Molecular Neurobiology der IRCCS Mondino Foundation in Pavia. In einem Review haben sie sich daher die geschlechtsspezifischen Differenzen bei Parkinson näher angeschaut und den aktuellen Wissensstand zusammengetragen.

Harnsäure spielt eine seltsame Doppelrolle

Was die motorischen und nicht-motorischen (Initial-)Befunde angeht, präsentieren sich Frauen anders als Männer. Dazu kommt, dass sich die Beschwerden bei ihnen insgesamt später manifestieren. Alles in allem kann dies mit einer verzögerten Diagnose einhergehen.

Parkinsonsymptome nach Geschlecht
motorische Befunde
nicht-motorische Befunde
häufiger bei Frauen
  • Tremor
  • posturale Instabilität mit Sturzneigung
  • gastrointestinale Funktionsstörungen wie Dysphagie
  • Schmerzen
  • Störungen des räumlichen Sehens
  • Fatigue, Angst, Depression
häufiger bei Männern
  • Freezing
  • Kamptokormie
  • übermäßiger Speichelfluss
  • leichte kognitive Beeinträchtigungen
  • Störungen der Exekutivfunktionen

Unterschiede gibt es auch bei den Risikofaktoren: Die Parkinsongefahr scheint bei Frauen mit hohen Harnsäurekonzentrationen im Blutserum zu wachsen, bei Männern dagegen mit niedrigen Werten. Cholesterinlevel über 180 mg/dl wirken sich bei Männern, nicht aber bei Frauen protektiv aus. Zu wenig Bewegung schadet Frauen.

In puncto Therapie zeigen sich ebenfalls Differenzen. So scheint männliches Geschlecht vor den häufig unter einer Langzeittherapie mit L-Dopa auftretenden Dyskinesien eher zu schützen. Ebenso wirkt bei ihm die tiefe Hirnstimulation günstiger auf eine Kamptokormie, die unwillkürliche Beugung des Rumpfes nach vorne. Interessanterweise beschreiben Frauen unter der Behandlung eine größere Verbesserung der Lebensqualität. Neuroleptika, die vor allem bei Parkinsondemenz zum Einsatz kommen, werden vermehrt Männern verschrieben – vermutlich, weil sie im Krankheitsverlauf eher aggressive Verhaltensweisen entwickeln, schreiben die Kollegen.

Im Behandlungssetting fällt auf, dass Frauen seltener an multimodalen Programmen mit Physio-, Ergo- und logopädischer Therapie teilnehmen. Auch scheinen sie im Alltag seltener Unterstützung zu erfahren, etwa von der Familie oder Freunden. Als Folge davon beurteilen Frauen ihre Lebensqualität im körperlich-funktionellen und im sozial-emotionalen Bereich womöglich als schlechter.

Estradiol steigert die Freisetzung von Dopamin

Viele der genannten Unterschiede legen einen Einfluss der Sexualhormone auf Entwicklung und Verlauf des Parkinson nahe. Tatsächlich zeigen Untersuchungen, dass Estradiol im Gehirn die Synthese und Freisetzung von Dopamin steigert. Darüber hinaus wirken Östrogene antientzündlich und könnten somit die Neuroinflammation als pathophysiologischen Faktor abschwächen. Ob Therapien mit selektiven Östrogen-Rezeptor-Modulatoren wie Tamoxifen und Raloxifen den Erkrankten helfen, bleibt abzuwarten.

Die zusammengetragenen Befunde machen deutlich, dass bei parkinsonkranken Männern und Frauen individuelle Behandlungsansätze notwendig sind, um für beide Geschlechter eine optimale Therapie zu gewährleisten, betonen die Review-Autoren.

Quelle: Cerri S et al. J Parkinson Dis 2019; 9: 501-515; DOI: 10.3233/JPD-191683