Übertherapie ist bei Schilddrüsenknoten offenbar die Regel

Autor: Michael Brendler

Bei gut differenzierten Karzinomen ist die frühzeitige Therapie nicht besser als reines beobachten. © iStock/Marizza

Die Datenlage spricht gegen ein allgemeines Screening auf Knoten der Schilddrüse, meint ein Kollege. Er mahnt zur Besonnenheit: Nach entsprechenden Befunden komme es regelmäßig zu beträchtlicher Übertherapie. Und das hat Folgen.

Jeder zweite Bundesbürger hat einen oder mehrere Schilddrüsenknoten. Bei älteren Frauen sind es sogar 85 %. Im klinischen Alltag würden die meisten dieser Gewebeveränderungen keinerlei Beschwerden bereiten, meint Dr. Hennig Harder, Inhaber einer Hausarztpraxis in Hamburg. Vorausgesetzt, der Knoten werde nicht von einem Arzt entdeckt. Denn dann, so kritisiert der Kollege, komme auf den Betroffenen in der Regel eine intensivere Diagnostik zu. Schlimmstenfalls werde bei verstärktem Tumorverdacht eine Operation durchgeführt.

Die aber könne mit erheblichen Behandlungskomplikationen einhergehen. Neben der Rekurrensparese wäre ein bleibender Hypoparathyreoidismus zu erwähnen. Auch die Radiojodtherapie könne Folgekarzinome und Mundtrockenheit mit sich bringen, die dann erforderliche Substitutionsbehandlung zu Fehl­dosierungen führen.

Dabei gebe es keine randomisierten Studien, die einen Vorteil der frühzeitigen Behandlung gut differenzierter Schilddrüsen-Karzinome gegenüber der bloßen Beobachtung belegen, schreibt der Autor. Auch rein statistisch spreche einiges dafür, eher weniger als mehr zu tun. Denn nur bei jedem 6000. Knotenträger lasse sich Berechnungen des Robert Koch-Instituts zufolge tatsächlich ein Karzinom finden. Und selbst dann liege die 10-Jahres-Überlebensrate bei mindestens 84 %.

Das Problem sei nur, „dass wir häufig unser Kontrollverhalten eher nach erlebten Kasuistiken als nach epidemiologischen Wahrscheinlichkeiten ausrichten“, kritisiert der Internist und Allgemeinarzt. Dies hätten Umfragen bestätigt, die er jeweils am Ende von elf Qualitätszirkeln zum Thema unter den teilnehmenden Kollegen durchführte. Sogar bei Knoten < 1 cm ohne sonografische Malignitätskriterien wollte sich jeder Vierte (24,4 %) bei der Frage, wie in einem solchen Fall weiter vorzugehen sei, auch weiterhin nur auf das eigene Bauchgefühl verlassen.

Was wir einmal festgestellt haben, macht uns heiß

Immerhin 56 % der befragten Ärzte gaben an, angesichts eines solchen Befunds künftig von weiteren Kontrollen abzusehen. Nur knapp 18 % der Kollegen wollten generell Knoten < 1 cm nicht weiter kontrollieren.

„Offensichtlich fällt es noch vielen Hausärzten schwer, einmal erhobene Befunde nicht weiter zu verfolgen“, kritisiert ­Dr. Harder­. Und das sogar dann, wenn lediglich eine verschwindend geringe Möglichkeit der Entartung besteht. „Was wir einmal festgestellt haben, macht uns heiß“, so der Autor weiter. „Wir müssen lernen, abzukühlen!“

Quelle: Harder H. Hamburger Ärztbl 2019; 73: 32-33