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Diabetesfrüherkennung Viele Studien wegen methodischer Mängel nur bedingt aussagefähig

Autor: Ulrike Viegener

Ein bewusster Lebensstil ist und bleibt die beste Prävention gegen Diabetes. Ein bewusster Lebensstil ist und bleibt die beste Prävention gegen Diabetes. © iStock/Galina Pilina
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Die Evidenzbasis zu Outcome-Effekten der Früherkennung von Prädiabetes bzw. Typ-2-Diabetes ist wenig solide. Kontrollierte Studien sind rar bzw. methodisch angreifbar. Der jüngst publizierte Screening-Review stützt sich nicht zuletzt deshalb maßgeblich auf Studien an Patienten, deren (Prä-)Dia­betes nicht per Screening identifiziert wurde.

Die United States Preventive Services Task Force (USPSTF), ein unabhängiges Expertenpanel für Krankheitsprävention und evidenzbasierte Medizin, hatte den systematischen Review zu Outcome-Effekten eines Screenings auf Prädia­betes bzw. Typ-2-Diabetes in Auftrag gegeben. Man hatte einen Katalog von Schlüsselfragen formuliert, anschließend bei PubMed, MEDLINE, Cochrane Library sowie in Studienregistern nach kontrollierten Studien gesucht, aus denen sich Antworten zu diesen Fragen ableiten lassen.

Berücksichtigt wurden dabei nicht nur Publikationen explizit zum Screening selbst. Vielmehr gingen auch Outcome-Untersuchungen an (nicht per Screening identifizierten) Patienten mit Prädiabetes bzw. frisch diagnostiziertem Typ-2-Diabetes in die Analyse ein. Somit erfasste der Review 89 Publikationen, wobei insgesamt 68.882 Datensätze zur Auswertung kamen. Darunter fanden sich lediglich zwei randomisierte klinische Studien (RCT), in denen explizit untersucht wurde, inwieweit ein Screening auf Typ-2-Diabetes das Outcome der identifizierten Personen mit Typ-2-Diabetes verändert: die ADDITION-Studie mit 20.184 Teilnehmenden und die Ely-Studie mit 4.936 Personen. Die Follow-up-Zeiträume betrugen bis zu 13 Jahre. Kontrollierte Outcome-Untersuchungen zum Screening auf Prädiabetes existieren nicht.

Probleme im Design und bei der Datenerhebung

Beide RCT zum Diabetes-Screening – ADDITION und Ely – sind jedoch nur sehr begrenzt aussagekräftig, da sie gravierende methodische Mängel aufweisen. Diese betreffen sowohl das Design als auch die sehr lückenhafte Datenerhebung.

Unter diesem Vorbehalt kam man zu dem Ergebnis: Screening auf Diabetes ist bei einem Follow-up von zehn Jahren weder mit einer Senkung der Mortalität verbunden noch lassen sich signifikante Effekte mit Blick auf die kardiovaskuläre und renale Morbidität sowie auf die Lebensqualität belegen.

Signifikante Effekte erst im längeren Follow-up

Weiterhin wurden in den Review fünf RCT mit insgesamt 5.138 Teilnehmenden einbezogen, deren Typ-2-Diabetes kürzlich identifiziert worden war – allerdings nicht per Screening. Eine davon war die UKPDS.

In den ersten zehn Jahren fand man in diesen Studien keine signifikanten Effekte einer konsequenten Stoffwechselführung mit Blick auf die diabetesassoziierte Mortalität und Morbidität. Bei einem längeren Follow-up ging die Schere dann jedoch auseinander und es wurde bei Patienten mit guter Stoffwechsellage unter Sulfonylharnstoffen oder Insulin eine signifikante Senkung u.a. der diabetesassoziierten Mortalität (Relatives Risiko, RR, = 0,83) und des Herzinfarktrisikos (RR = 0,85) gesehen.

Bei übergewichtigen Patienten, die konsequent Metformin einnahmen, war nach 10 sowie nach 20 Jahren ein Rückgang der diabetes-assoziierten Mortalität und der Herzinfarktrate nachweisbar. Insgesamt 23 RCT mit Daten von 12.915 Teilnehmenden liegt zu der Frage vor, inwieweit Veränderungen des Lebensstils bei übergewichtigen bzw. adipösen Personen mit Prädiabetes das Diabetesrisiko reduzieren. Unterm Strich wurde ein signifikanter Benefit in einer Größenordnung von mehr als 20 % ermittelt (RR gepoolt = 0,78). 

Screening für Übergewichtige ab 35 Jahren

Auf der Basis des Evidenzreports von Jonas et al. geht die United States Preventive Services Task Force (USPSTF) von einem moderaten Nutzen der Früherkennung von Prädiabetes bzw. Typ-2-Diabetes aus. Sie empfiehlt ein Screening ab dem 35. Lebensjahr bei Menschen mit Übergewicht bzw. Adipositas. Wird ein Prädiabetes entdeckt, sollten die Betroffenen hinsichtlich effektiver Präventivmaßnahmen aufgeklärt und motiviert werden.

In der DPP-Studie erwies sich ein gesundheitsbewusster Lebensstil der präventiven Gabe von Metformin als überlegen: Die Diabetes­inzidenz ging um 58 % vs. 31 % zurück. Die Größenordnung des präventiven Metformin-Effekts wird durch andere Studien bestätigt (RR gepoolt = 0,73). Laut Schätzung der DPP-Autoren lässt sich innerhalb von drei Jahren ein Typ-2-Diabetes verhindern, wenn sieben gefährdete Personen ihren Lebensstil „zum Guten“ verändern.

Quelle: Jonas DE et al. JAMA 2021; 326: 744-760; DOI: 10.1001/jama.2021.10403