Warum trifft ein Burnout vor allem Ärzte?

Autor: Michael Brendler

Der heroische Idealismus untergräbt bei Bournoutpatienten den lebenswichtigen Selbstschutz und lässt sie von innen heraus verbrennen. © iStock/wildpixel

Burnout gilt vielen als Modeerscheinung. Gerade vonseiten der Psychiatrie zweifelt man die Eigenständigkeit der Diagnose immer wieder an. Ein Berliner Psychologe hält das für einen Fehler.

Wer mit Burnout in der Klinik landet, handelt sich womöglich direkt den nächsten Stressor ein. Denn gerade Privatversicherte müssen damit rechnen, dass ihre Behandlungskos­ten nicht übernommen werden, schreibt Dr. Helmut Albrecht­ vom Berliner Helios Klinikum Emil von Behring. Zumindest, wenn allein diese Diagnose auf dem Einweisungsschein steht.

40 Jahre nach seiner Erstbeschreibung (s. Kasten) fristet der Burnout noch immer eine eher klägliche Exis­tenz. Im ICD-10 muss man bis zur Sammelkategorie Z blättern. Auch Wissenschaftler tragen ihren Teil dazu bei, wenn sie nach 25 ausgewerteten Studien zum Thema resümieren: Gesicherte allgemeine Kriterien und einheitliche Definitionen sucht man vergeblich.

Burnout vor 40 Jahren

In den 1970er-Jahren unternahm der Psychoanalytiker H. J. Freudenberg zum ersten Mal einen Definitionsversuch. Er beschrieb den Burnout als einen Zustand chronischer Erschöpfung mit vielfältigen körperlichen und psychischen Sym­ptomen. Freudenberg zielte wohl vor allem auf die Anhänger von Hilfsberufen ab, die sehr idealistisch eingestellt waren. „Ausbrennen“ konnte nur, wer einmal „entbrannt“ war. Die Betroffenen litten zunehmend unter dem Verlust von Motivation und Freude an ihrer Arbeit und konnten sich von ihrem verausgabenden Engagement nicht mehr erholen.

Burnout als medizinischer Paradigmensprung

Das „Ausgebranntsein“ jedoch als Modediagnose, getarnten Depressionsbegriff oder Arbeitsüberlastung abzutun, hält der Psychologe für falsch. Er sieht im Burnout vielmehr einen medizinischen Paradigmensprung. Warum? Weil man im Rahmen dieser Entität erstmals Dia­gnosekriterien formuliert, die das gesamte menschliche Leben, den Organismus, innere Konflikte, Gefühle und äußere Belastungen umfassen. Was wiederum ganz neue therapeutische Ansätze eröffnet, indem man zum Beispiel Ressourcen zur Krisenbewältigung und Lebensqualität aktiviert.

Differenzialdiagnosen des Burnout

Bei der chronischen Depression sind Antriebs- und Motivationsverlust in allen Lebensbereichen wirksam, ohne spezifischen Bezug zur Arbeitssituation. Oft gab es schon zuvor depressive Phasen. Beides kann komorbid auftreten.

Die bipolare Störung ist, anders als der Burnout, durch einen phasischen Wechsel von Hyperaktivität und Antriebsverlust gekennzeichnet.

Eine posttraumatische Belastungsstörung (PTBS) lässt sich über Anamnese und einen spezifischen Traumafragebogen abgrenzen.

Die primäre Suchterkrankung hat keinen expliziten Arbeitsbezug, kann aber als Komorbidität auftreten.

All das ist laut Dr. Albrecht besonders für Ärzte interessant, weil sie zu einer besonders gefährdeten Berufsgruppe zählen. Bis zu 30 % könnten vom Burnout betroffen sein. So haben sich Fehlzeiten unter den Kollegen zwischen 2009 und 2013 fast verdreifacht. Ihr Suizidrisiko liegt zwei- bis sechsmal höher als in der Allgemeinbevölkerung. Schlechter dran sind nur noch Lehrer, Polizisten und Feuerwehrleute, die es auf Quoten von bis zu 35 % bringen. Sie teilen nach Ansicht des Psychologen ähnliche Eigenschaften und Verhaltensweisen:

  • die Tendenz zur Selbstüberforderung
  • zu hohe Ansprüche an die eigene Person
  • die Neigung, sich im Workaholismus zu verlieren
  • Schwierigkeiten, sich abzugrenzen
  • den Hang, Emotionen als Schwäche abzuwerten

Bei einem Burnout wendet sich all das gegen die Betroffenen. Auf anfängliche Symptome wie Verlust von Erholungsfähigkeit, Schlafprobleme, Verleugnen eigener Bedürfnisse, Verdrängen von Misserfolgen und Enttäuschungen folgt eine Spirale negativer Selbstbewertung. Es kommt zu Reizbarkeit, Isolation und Rastlosigkeit, die wiederum durch noch mehr Einsatz und Arbeit vergeblich bekämpft werden.

Heroischer Idealismus und überspitzte Ansprüche an sich selbst untergraben den lebenswichtigen Selbstschutz. Das mache blind gegenüber dem eigenen Zustand und möglichen Notausgängen.

Besonders Ärzte stehen vor der Herausforderung, Scham, Schuld und Scheitern für sich anzunehmen, sie auch als Preis persönlicher Fiktionen zu verstehen, die überwunden werden können. Das gelingt ihnen, wenn sie die Gefahr rechtzeitig erkennen und mehr Milde sich selbst gegenüber walten lassen. Es gehe darum, die Angst vor den eigenen Emotionen zu verlieren, sie vielmehr als Kraftquelle zu entdecken, schreibt Dr. Albrecht. Dann könne sogar ein Burnoutpatient nicht nur überleben, sondern wieder Mut zur Ausweitung,Vertiefung und Steigerung seines Lebens gewinnen. 

Quelle: Albrecht H. internistische praxis 2018; 59: 659-670