Adipositas: „Prävention muss auch wehtun“

Autor: Maya Hüss

Zum Spielen und Reinbeißen – die Verlockungen für Kinder sind groß. © iStock.com/victoriya89

Informationen, Appelle und Aufklärungskampa­gnen zu Adipositas sind klassische Versuche, um Kinder, Jugendliche und Erwachsene von ungesunden Lebensmitteln fernzuhalten. Dass die Betroffenen so auch wirksam erreicht werden, bezweifelt Dr. Dietrich Garlichs, ehemaliger Geschäftsführer der DDG, jedoch. Gerade Kinder müssten besser geschützt werden.

„Wir haben kein Erkenntnisproblem, sondern ein Durchsetzungsproblem“, meint Dr. Dietrich Garlichs, ehemaliger Geschäftsführer der Deutschen Diabetes Gesellschaft. Zahlreiche Initiativen sowie nationale Strategien gebe es bereits, um Präventionspolitik für Adipositas und Diabetes mellitus zu betreiben. „Viele Anstrengungen, wenig Wirkung, das ist der politische Hintergrund, vor dem wir uns derzeit bewegen“, sagt Dr. Garlichs. Er definiert das Problem so: „Alle bisherigen Präventionsangebote sind entweder freiwillige Angebote, Empfehlungen, Informationen oder Appelle. Es sind Insellösungen ohne Nachhaltigkeit.“

Wenn gekocht wird, dann oft mit Convenience-Produkten

So seien Menschen umgeben von hochkalorischen Lebensmitteln, die sie an jeder Straßenecke und zu jeder Tageszeit konsumieren können. Auch die Zubereitung von Lebensmitteln nehme ab, die Außer-Haus-Ernährung hingegen steige. Wenn noch gekocht werde, dann oft mit Convenience-Produkten.

Ginge man aber weg von den freiwilligen Angeboten hin zu Ver- und Geboten, müsse man die politischen Interventionsinstrumente vorsichtig platzieren. „Den Deutschen ist der Aspekt der Eigenautonomie und Selbstbestimmung besonders wichtig“, weiß der studierte Politikwissenschaftler. So gebe es gegen jeden Regulierungsversuch Gegenargumente, die sowohl von einzelnen Politikern als auch von der Industrie und deren Lobbyverbänden kommen.

Laut Dr. Garlichs sprechen manche konservative Politiker bereits von „Ernährungsdiktatur“. Regulierungen über den Preis, z.B. über eine Zuckersteuer, könnten hingegen auf linksliberale Abwehr treffen, weil sozial schwache Gruppen stärker davon betroffen wären als andere. Genau diese gilt es aber zu erreichen, meint Volkswirt Dr. Tobias Effertz, Privatdozent der Universität Hamburg.

Ungesunde Lebensmittel teuer und gesunde günstig machen

Sein Appell an die Politik lautet: Immer dann, wenn der Verbraucher vor der Wahl steht, welches Lebensmittel er konsumieren möchte, sollte das ungesunde Lebensmittel teurer und das gesunde günstiger sein. „Make the healthier choice, the easier, or the cheapest choice“, so Dr. Effertz. Weiter führt er aus: „Die Präventionsmaßnahmen müssen da wehtun, wo das Problem liegt, und das ist leider nun mal bei den unteren sozialen Schichten.“

Besteuern, aber wo und wie?

Soll eine gesunde Ernährung durch Steuern gefördert werden, kann sich die Steuerlast auf den Endkonsumenten, Handel oder Hersteller beziehen. Besteuert werden können Volumen, Gewicht, Warenwert oder Verkaufspreis. In der Praxis werden Steuern entweder auf ganze Produktkategorien erhoben (in Ungarn gibt es derzeit eine Steuer auf Zucker, Salz und Koffein) oder auch auf Inhaltsstoffe (in Dänemark gab es von 2011 bis 2012 eine Steuer auf gesättigte Fettsäuren). Ein- und mehrstufige Systeme sind möglich. Mexiko erhebt z.B. in einem einstufigen System pro Liter Süßgetränk aktuell ein Peso Steuern. Das bewirkt eine etwa zehnprozentige Preissteigerung. Im Vereinigten Königreich hingegen wurde jüngst ein mehrstufiges Steuersystem eingeführt. Liegt der Zuckergehalt eines Süßgetränks zwischen 5 und 8 g pro 100  ml, fällt eine Steuer von 0,18 Pfund pro Liter an; ab 8 g steigt dieser Wert auf 0,24 Pfund pro Liter, was einer Preissteigerung von 15 bis 20 % entspricht.

Einig sind sich die Referenten beim Thema Kindermarketing für ungesunde Lebensmittel. Dieses sollte verboten oder zumindest stark eingeschränkt werden. „Kinder haben keine Entscheidungsautonomie und können nicht zwischen Aufklärung und Information unterscheiden“, bekräftigt Dr. Garlichs.

So würde Kindern von Beginn an der spielerische Umgang mit Süßigkeiten näher gebracht. M&Ms z.B. ließen sich wunderbar nach Farben sortieren. Und auch bei Ferrero und Nestlé gebe es immer wieder Aktionen, um Kinder näher an die Produkte zu führen. „Kinder sind eben besonders beeinflussbar“, weiß Dr. Effertz.

Aus einer von ihm durchgeführten Studie zu den Adipositas-Kosten geht hervor, dass gut die Hälfte aller Adipositas-Patienten schon vor dem 20. Lebensjahr erstmals diese Diagnose von ihrem Arzt erhält. Eine AOK-Studie, an der der Gesundheitsökonom 2017 beteiligt war, zeigt zudem, dass 60 % aller Webseiten der Lebensmittelindustrie Elemente enthalten, die Kinder und Jugendliche gezielt zum Konsum animieren sollen. Darunter befinden sich viele Unternehmen, die sich auf EU-Ebene bereits dazu verpflichtet haben, ganz auf Kindermarketing zu verzichten.

Problem der Zukunft: Kindermarketing übers Handy

Ein Zukunftsproblem sieht der Ökonom in der Smartphone-Nutzung. Bereits jetzt würden 17 % der Sechsjährigen und 92 % der 13-Jährigen ein Handy besitzen. Die Gefahr, dass Kinder die Zeit am Smartphone verlängern, ist hoch. Das könne zu weiteren Kontakten mit der Internetwerbung der Lebensmittelindustrie führen.

Quelle: Diabetes Herbsttagung 2018 / Jahrestagung der Deutschen Adipositas-Gesellschaft 2018