Auf Krebs folgt Krebs: Besonders fünf Primärtumor-Typen bei jugendlichen Patienten betroffen

Autor: Josef Gulden

Fünf Zweitmalignom-Typen stechen heraus. © iStock/luismmolina

Patienten, die in jungen Jahren eine Krebserkrankung überstanden haben, weisen bekanntlich eine erhöhte Morbidität und insbesondere ein erhöhtes Risiko für Sekundärmalignome auf. Das genaue Ausmaß dieses Risikos ist aber noch unklar. Dies soll sich nun ändern.

Die Heilungsrate nach Krebserkrankungen – wenn man darunter die Chance versteht, fünf Jahre lang zu überleben – ist in Europa bei Heranwachsenden und jungen Erwachsenen mit 82 % hoch. Jedoch haben diese Überlebenden ein erhöhtes Risiko, später an Zweitmalignomen zu erkranken. Dieses Risiko ist höher als bei Überlebenden, deren Ersttumor im Kindes- bzw. im Erwachsenenalter auftritt.

Allerdings ist noch nicht deutlich, wie hoch das Risiko genau ist, wie es sich bei verschiedenen Primärtumoren unterscheidet und ob bestimmte Lokalisationen besonders von Zweittumoren betroffen sind. Frühere Studien belegen unter anderem, dass das Risiko stark von der Behandlungsart der Primärerkrankung abhängt, sodass etwa auch deren Lokalisation eine wichtige Rolle spielen dürfte.

16 Primärmalignome in die Untersuchung aufgenommen

Eine populationsbasierte britische Studie war deshalb sehr breit angelegt: Sie schloss etwas mehr als 200 000 Patienten ein, die in natio­nalen Krebsregistern geführt wurden, weil sie zwischen 1971 und 2006 im Alter zwischen 15 und 39 Jahren an einem malignen Tumor erkrankt waren. Alle Teilnehmer mussten die Diagnose mindestens fünf Jahre überlebt haben.

Gesucht wurde in den Registern nach 16 verschiedenen Typen von primären Malignomen: Mamma-, Zervix-, Hodenkarzinom, Hodgkin-Lymphome bei Frauen und Männern, Melanom, intrakranielle Hirntumoren, Kolorektalkarzinom, Non-Hodgkin-Lymphome, Schilddrüsenkarzinom, Weichteilsarkom, Ovarial-, Blasenkarzinom, andere gynäkologische Tumoren, Leuk­ämien und Kopf-Hals-Tumoren. Die Autoren errechneten dann das zusätzliche absolute Risiko (über die zu erwartende Häufigkeit in der Normalbevölkerung hinaus), an einem Sekundärmalignom zu erkranken.

Bei einer medianen Nachbeob­achtungsdauer von 16,8 Jahren und insgesamt mehr als 2,6 Millionen Personenjahren sind bislang bei 11 565 (6 %) Krebsüberlebenden 12 321 Zweittumoren aufgetreten. Am häufigsten geschah das nach primären Mamma- (15 %), Zervix- (14 %) und Hodentumoren (12 %) sowie Hodgkin-Lymphomen (13 %).

Das zusätzliche absolute Risiko beträgt insgesamt:

  • 19,5 Fälle pro 10 000 Personenjahre nach Mamma-,
  • 10,2 Fälle nach Zervixkarzinom,
  • 18,9 Fälle nach Hodentumoren,
  • 55,7 Fälle nach Hodgkin-Lymphomen bei weiblichen und
  • 29,9 Fälle bei männlichen Patienten.

In diesen Subgruppen lagen die entsprechenden kumulativen Inzidenzen für alle Zweittumoren bei 11,9 %, 15,8 %, 20,2 %, 26,6 % und 16,5 %.

Fünf Zweitmalignom-Typen stechen heraus

Unter den Sekundärmalignomen, die nach diesen fünf Primärtumor-Typen auftraten, kristallisierten sich ebenfalls fünf Typen heraus, die für 82 % (nach Zervixkarzinom), 61 % (nach Hodentumoren), 58 % (nach Hodgkin-Lymphom von Frauen), 45 % (nach Mammakarzinom) bzw. 41 % (nach männlichem Hodgkin-Lymphom) aller Fälle verantwortlich zeichnen. Das sind:

  • Lungentumoren,
  • kolorektale Karzinome,
  • Blasenkarzinome,
  • Prostatakarzinome und
  • Mammakarzinome.

Am häufigsten darunter waren Lungentumoren, die sich vor allem nach Mammakarzinom (45 %), männlichem Hodgkin-Lymphom (41 %) und Zervixkarzinom (37 %) entwickelten. Dieses Überwiegen bestimmter Tumortypen als Folge von Zervix-, Mamma-, Hodenkarzinomen und Hodgkin-Lymphomen könnte durchaus praktische Konsequenzen haben, lautet das Fazit der Autoren. Denn: Mit diesem Wissen könne die Nachsorge bei den Patienten gezielter betrieben werden.

Über Therapieoptimierung nachdenken

Insbesondere die herausragende Rolle von Lungentumoren sollte nach Ansicht der Autoren Anlass sein, noch stärker über die Optimierung der Therapie von Primärtumoren nachzudenken: Patienten mit Hodgkin-Lymphomen oder mit Mammakarzinomen werden beispielsweise häufig im Brustbereich bestrahlt. In Studien wird bereits untersucht, ob man in bestimmten Fällen auf eine solche Bestrahlung verzichten und damit mutmaßlich das künftige Lungenkrebsrisiko vermindern kann.

Quelle: Bright CJ et al. Lancet Oncol 2019; doi: 10.1016/S1470-2045(18)30903-3