Bewegungssucht gibt es als primäre und sekundäre Form

Autor: Friederike Klein

Der Drang nach Bewegung lässt die Süchtigen sogar Schmerzen vergessen. © fotolia/lassedesignen

Jeder glaubt zu wissen, was gemeint ist, doch tatsächlich gibt es diese Diagnose bisher gar nicht: Sportsucht. An welchen Kriterien soll man sie festmachen? Klar ist bislang nur: Extremes Sporttreiben muss als pathologisch angesehen werden.

Dr. Flora Colledge von der Abteilung Sport- und Gesundheitspädagogik der Universität Basel spricht nicht von Sportsucht, sondern von Bewegungssucht, um die Störung von der körperlichen Aktivität mit wettkampfbetontem Charakter abzugrenzen. Und sie unterscheidet zwischen der primären und der sekundären Form.

Die primäre Bewegungssucht ist gekennzeichnet durch ein gesundheitsschädliches Ausmaß an Aktivitäten, das auch keine Zeit mehr für Familie und Freunde lässt und die Berufstätigkeit beeinträchtigt. Trotz großer körperlicher Probleme trainieren die Betroffenen immer weiter. Ohne die Möglichkeit, sich zu bewegen, sind sie nervös und gereizt. Um sich „normal“ und gut zu fühlen, weiten sie die körperlichen Aktivitäten stetig aus.

Jeder zweite Triathlet süchtig nach Bewegung

Davon abzugrenzen ist die sekundäre Bewegungssucht, die vor allem im Rahmen von Essstörungen auftritt. Patienten mit Anorexie bewegen sich, um schneller abzunehmen, diejenigen mit Bulimie hoffen, so ihre Fress­attacken auszugleichen. Menschen mit gestörtem Selbstbild im Sinne einer Muskeldysmorphie wollen durch exzessives Body-Building ihrem Körperideal nahekommen.

Die Prävalenzangaben zur Bewegungssucht schwanken je nach Studien, Region und Klientel zwischen 0,5 % in einer ungarischen Arbeit und über 52 % in einer Kohorte von Triathleten, berichtete Dr. Colledge. Um abzuschätzen, ob bei einem Patienten eine solche Sucht vorliegt, nutzt sie die Exercise Dependence Scale*, die ihrer Ansicht nach am besten problematisches Bewegungsverhalten abbildet.

Training wichtiger als Familie oder Freunde?

Auf einer sechsstufigen Skala ist anzugeben, wie sehr 21 Aussagen auf den Einzelnen zutreffen. Dabei reicht das Spektrum von nie (1 Punkt) bis immer (6 Punkte). So müssen zum Beispiel die folgenden Aussagen bewertet werden:

  • Ich trainiere trotz wiederkehrender körperlicher Probleme.
  • Ich steigere meine Trainingsintensität kontinuierlich, um die gewünschten Effekte zu erreichen.
  • Ich bin nicht in der Lage, meine Trainingszeiten zu verkürzen.
  • Ich verbringe fast meine gesamte Freizeit mit dem Training.
  • Ich würde immer eher Zeit mit dem Training verbringen als mit der Familie oder Freunden.

Unter den Mitgliedern von Fitnessstudios scheint die Bewegungssucht häufiger vorzukommen als in der Allgemeinbevölkerung.

Mitarbeiter von Fitnessstudios wünschen sich Richtlinien

In einer Studie von Dr. Colledge gaben fast alle befragten Mitarbeiter von Fitnesscentern an, bei manchen Kunden den Verdacht auf eine Bewegungssucht zu haben. Zumeist vermuteten sie eine Essstörung dahinter. Viele wünschten sich Richtlinien für den Umgang mit solchen Kunden, wenige hatten es gewagt, diese mit ihrem Verdacht zu konfrontieren.

Besondere, aber gar nicht so seltene Fälle von exzessivem Training diskutierte Dr. Colledge mit Kollegen: Patienten, die im Rahmen der Therapie einer stoffgebundenen Sucht mit Sport beginnen und es damit übertreiben. In den meisten Einrichtungen werde das unterstützt und damit eine andere Sucht gefördert. Man könnte es als eine „Harm-Reduction“-Strategie ansehen, wenn eine stark gesundheitsgefährdende Sucht durch eine „gesündere“ Sucht ersetzt wird, meinte die Referentin. Für die Bewegungssucht selbst gebe es bislang keine spezifischen Therapieansätze.

*https://www.researchgate.net/ publication/266447868_Exercise_ Dependence_Scale-21_Manual