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Eingewachsene Nägel richtig behandeln – von konservativ bis invasiv

Autor: Dr. Andrea Wülker

Bei der Phenolkaustik wird das Matrixhorn chemisch verödet und vernarbt. Bei der Phenolkaustik wird das Matrixhorn chemisch verödet und vernarbt. © iStock/whitemay
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Starke Schmerzen und große Einschränkungen bei Alltagsaktivitäten sind die Folge, wenn die Nagelplatte in die laterale Nagelfalz einwächst. Grundsätzlich sollte man die konservativen Therapien immer ausschöpfen. Oft kommt man aber um ein invasiveres Vorgehen nicht herum.

Meist tritt ein Unguis incarnatus an der Großzehe auf, und sehr häufig sind Männer mittleren Alters von diesem schmerzhaften Problem betroffen. Häufig liegt es an falsch gekürzten Zehennägeln, schreiben Kirusigan Pavotbawan und Dr. Thomas S. Müller vom Kantonsspital Graubünden. Wenn der seitliche Nagelanteil abgerundet oder zu kurz abgeschnitten wird, kann der wachsende Nagel das periunguale Weichteilgewebe traumatisieren. Andere Ursachen sind zu enge Schuhe, Hyperhidrosis­ oder auch Nagelinfekte, -verletzungen und -deformitäten. Durch die Reizung des Weichteilgewebes kommt es zu einer Inflammation. Es bildet sich hypertrophes Granulationsgewebe am seitlichen Nagelwall, was eine Art Teufelskreis auslöst.

Fußbäder als konventionelle Therapie ohne Evidenz

Milde bis moderate Formen, z.B. ohne bereits vorhandene Ulzeration, können zunächst konservativ behandelt werden. Ziel ist es immer, möglichst rasch einen schmerz- und entzündungsfreien Zustand zu erreichen, da sonst sekundäre Infekte, Nageldeformitäten und möglicherweise auch längere Arbeitsunfähigkeitszeiten drohen. Für die konservative Behandlung des Unguis incarnatus gibt es viele Ansätze, aber keine evidenzbasierten Empfehlungen. Die Schweizer raten zu täglichen Fußbädern – ob mit Kamille, Schmierseife oder Povidon-Jod bleibe jedem selbst überlassen – oder einer podologischen Behandlung (Schienung, Taping, Nagelspange).

Auch für die operative Therapie ist historisch bedingt eine ganze Reihe von Verfahren beschrieben, einen Goldstandard gibt es bis heute nicht. Indiziert ist diese, wenn die konservative Lokaltherapie die Beschwerden nicht bessern konnte oder sich eine Nageldeformität bzw. ein Rezidiv entwickelt hat. Die Autoren empfehlen eine minimalinvasive Technik, bei der die seitlichen Anteile des Nagels und ein Teil der Nagelmatrix chirurgisch entfernt werden. Alternativ gibt es die Möglichkeit, das Matrixhorn chemisch zu veröden (siehe Kasten). Konkret gehen die Kollegen aus Chur folgendermaßen vor:

  • Um den Eingriff so schmerzarm wie möglich zu gestalten, sorgen sie für eine gute Analgesie durch eine Oberst-Leitungsanästhesie. Bei sehr ängstlichen Patienten empfehlen sie, 30–60 min vor dem Eingriff zusätzlich ein Lokalanästhetikum über der Großzehenbasis zu verabreichen.
  • Besteht eine vollständige Anästhesie, folgen chirurgische Desinfektion und das Anlegen einer Blutsperre z.B. mit einem weichen Gummischlauch.
  • Der Operateur verschafft sich einen Überblick über das Ausmaß der seitlich eingewachsenen Nagelplatte und löst die zu resezierenden Anteile vom Nagelbett. Er schneidet diese mit einer Schere sparsam heraus und verschmälert so die Nagelplatte.
  • Im Anschluss daran wird das laterale bzw. mediale Matrixhorn sorgfältig z.B. mit einem Doppellöffel nach Willinger entfernt. Bei Rezidiven kommt ergänzend zur mechanischen Matrixektomie noch eine chemische Matrixektomie mit Phenol durch.
  • Bevor die Schweizer das Tourniquet entfernen, legen sie zirkulär eine feuchte Longuette an. Eine Blutstillung mit der Diathermie-Pinzette erfolgt nur bei Bedarf – wenn mit einfachem Fingerdruck keine Kontrolle der Hämostase möglich ist.

Am Ende sollte nur eine kleine Wundfläche und eine kaum wahrnehmbare Verschmälerung der Nagelplatte zu sehen sein. Nach dem Eingriff muss der operierte Fuß für einige Stunden hochgelagert werden.

Vor der OP unbedingt abklären

Bevor ein eingewachsener Zehennagel chirurgisch behandelt wird, muss geprüft werden, ob der Patient eine Erkrankung hat, die sich negativ auf die Wundheilung auswirken kann. Dies gilt vor allem für:

  • einen schlecht eingestellten Diabetes
  • Gerinnungsstörungen
  • eine relevante periphere arterielle Verschlusskrankheit (PAVK)

Bei Hinweisen auf eine eingeschränkte Durchblutung (z. B. fehlende Fußpulse) sollte vor der Zehen-OP ein vollständiges angiologisches Work-up erfolgen. Medikamente, die zu vermehrten Nachblutungen (z. B. orale Antikoagulanzien) oder zu Wundheilungsstörungen (z. B. Steroide) führen können, sollten vor dem Eingriff möglichst pausiert werden.

Nach zwei Wochen wieder abgeheilt

Zudem sollte man postoperativ für zwei bis drei Tage ein NSAR verschreiben. Der erste Verbandswechsel erfolgt entweder beim ersten Kontrolltermin in der Sprechstunde oder der Patient führt ihn nach vorheriger Instruktion zu Hause selbst durch. Bis zur vollständigen Abheilung empfehlen die Autoren zur Reinigung ein bis zwei Fußbäder täglich. War der Nagelbereich vor der OP bereits entzündet, dauert die Wundheilung im Allgemeinen etwa 10–14 Tage. Wurde zusätzlich mit Phenol verödet, kann das die Geschwindigkeit verlangsamen.

Quelle: Pavotbawan K, Müller TS. Ther Umsch 2020; 77: 227-233; DOI: 10.1024/0040-5930/a001180