Einsatz von Harnblasenkatheter überdenken und alternative Behandlungsoptionen beachten

Autor: Dr. Barbara Kreutzkamp

Auch unter dem Beinbeutel kann es zu Hautproblemen kommen. © iStock/VallarieE

Die Indikation für einen Harnblasenkatheter wird oft unüberlegt gestellt. Alternative Behandlungsoptionen werden häufig nicht erwogen. Einmal gelegt, begleitet die Drainage die Patienten meist bis ans Lebensende.

Die Anlage eines Harnblasen­katheters bei geriatrischen Patienten wird nach wie vor oftmals eher im Sinne einer vorübergehenden pflegerischen Maßnahme denn als medizinischer Eingriff mit weitreichenden Folgen angeordnet, stellen Professor Dr. Andreas­ Wiedemann­, Evangelisches Krankenhaus Witten, und Kollegen fest. Aus verschiedenen Gründen wird die Drainage dann meist, obwohl ursprünglich als Übergangslösung gedacht, als Definitivmaßnahme betrachtet und nicht mehr entfernt. Für die Patienten bedeutet die Kathetereinlage einen einschneidenden Schritt mit zahlreichen Folgen für die Lebensqualität.

Zu den bekannten Beeinträchtigungen durch einen suprapubischen bzw. transurethralen Katheter gehören Hautprobleme im Fistelstoma oder im Bereich des Hautareals unter dem Urinbeutel, Infektionen, parastomaler Urin­abgang, Lazeration der Harnröhre, Geruch, Mobilitätseinschränkungen durch das Ableitungssystem, Hämaturien und eine als belastend empfundene Abhängigkeit vom Pflegepersonal, das den Wechsel vornimmt.

Weniger bekannt sind geriatrische Komplikationen der Langzeitharnblasendrainage, erklären die Urologen. So kann die Kombination von bakterieller Besiedlung der Blase und mechanischer Irritation durch die Drainage zu Symptomen einer überaktiven Blase führen. Die Tenesmen sind für Patienten quälend und lassen sie unruhig werden. Dazu steigt vor allem bei kognitiv eingeschränkten Patienten die Tendenz zur Autodislokation, was schlimmstenfalls Verletzungen nach sich zieht.

Verletzungen oft schon bei Anlage des Katheters

Zusätzlich ist Studien zufolge das Sturzrisiko erhöht. Die Urologen führen das zum einen auf die Tenesmen zurück, die vor allem Demenzpatienten zu überhasteten (oft nächtlichen) Toilettengängen drängen, zusätzlich kann auch das Ableitungssystem selbst den Bewegungsfluss und die Koordination stören. Zu bedenken ist außerdem das Verletzungsrisiko im Rahmen der Katheteranlage. Bei suprapubischen Kathetern beträgt die akute Komplikationsrate durch den Eingriff bis zu 12 %, die Mortalitätsrate 2,4 %. Die transurethrale Katheterisierung geht mit einem Traumarisiko von 6,7 auf 1000 Einlagen einher.

Vor diesen Hintergründen weist die Leitlinie „Harninkontinenz bei geriatrischen Patienten“ explizit darauf hin, vor der Entscheidung für eine Langzeitharndrainage in einem strukturierten Vorgehen alle anderen Therapieoptionen abzuwägen. Dazu gehören vor allem Verhaltens­interventionen mit festgelegten oder individuellen Entleerungszeiten sowie das Blasentraining.

Anticholinerge Belastung durch Medikamente senken

Liegt eine Blasenentleerungsstörung vor, ist insbesondere in Hinblick auf das Rehabilitationspotenzial zwischen akuter und chronischer Harnretention sowie einer klassischen Harninkontinenz zu unterscheiden, so die Autoren. Hier gibt es bei Älteren allerdings häufig eine unscharfe Symptomatik, weshalb eine urologische Abklärung sinnvoll wäre.

Besonders bei akuter Harnverhaltung bietet sich ein alphablockergestützter Katheterauslassversuch unter Reduktion der anticholinergen Last durch Medikamente an. Dabei gilt es zu beachten: Nicht nur die klassischen Anticholinergika induzieren eine Detrusorhypoaktivität, sondern auch trizyklische Antidepressiva, Morphin, Furosemid oder Phenprocoumon.

Quelle: Wiedemann A et al. Urologe 2019; 58: 389-397