Fahrtüchtigkeit: Sind Sie noch sicher mit dem Auto unterwegs?

Autor: Michael Brendler

Damit Ärzte ihre Patienten gut beraten können, sollten sie die BASt kennen: die „Begutachtungsleitlinien zur Kraftfahreignung“. © iStock.com/willowpix

Ob Krankheit oder Alter: Viele Menschen sind aus gesundheitlichen Gründen nur noch eingeschränkt in der Lage, am Straßenverkehr teilzunehmen. Sie davon abzuhalten, ist auch Aufgabe des Arztes. Dabei sollten Sie sich mit den Hintergründen und Regelungen auskennen.

Diesen 68-jährigen Fahrer musste man leider als Gefahr für die Allgemeinheit einstufen: Zehn geparkte Autos hatte der Mann gerammt, bevor er seinen Wagen nur wenige hundert Meter entfernt unverschlossen stehen ließ. Ein Anlass, sich bei der Polizei zu melden, war das für ihn erst am Mittag des nächsten Tages. Dort fiel er mit seiner verwaschenen Aussprache auf. Wie sich herausstellte, steckte allerdings nicht der Alkohol dahinter: Eine medizinische Untersuchung offenbarte eine vaskuläre Demenz. Das hätte der Betroffene allerdings wissen müssen – der Mann war selber Arzt. Wegen unerlaubten Entfernens vom Unfallort wurde er zu einer Geldstrafe verurteilt, zudem verlor er Fahrerlaubnis und Approbation.

„Auch Mediziner selbst können von einschränkenden Erkrankungen betroffen sein“, warnt ein Autorenteam um Professor Dr. Klaus Püschel von der Rechtsmedizin am Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf. Die aber ließen es manchmal an der entsprechenden kritischen Selbsteinschätzung missen. Was wohl auch dadurch begüns­tigt werde, dass viele Ärzte oft über das normale Rentenalter hinaus beruflich mit dem Auto unterwegs sein müssen.

Im Verkehr zählen 10–15 % zu Risikogruppen

Dabei fällt gerade diesem Berufsstand in Sachen Verkehrssicherheit eine besonders verantwortungsvolle Aufgabe zu: „Ärztinnen und Ärzte sind auch im wohlverstandenen Interesse ihrer Patientinnen und Patienten verpflichtet, verkehrsmedizinisch zu beraten, bei Einschränkungen Maßnahmen der Rehabilitation und zum Beispiel technischen Beratung zu initiieren und gegebenenfalls Einsicht in notwendige Konsequenzen zu vermitteln.“ So formulierte es schon der 117. Deutsche Ärztetag 2014.

Vergütet würde man dafür jedoch leider nur unzureichend, wie die Autoren bemerken. Was schon das erste Problem sein dürfte. Denn gleichzeitig wimmele es in den Praxen von Patienten, die aufgrund verkehrsmedizinisch relevanter Einschränkungen eines kritischen Blicks bedürfen: Menschen mit Diabetes, Epilepsie und anderen Krankheiten, die am Steuer zum Problem werden können. Zu ihnen zählen laut der Fachleute etwa 10–15 % aller Verkehrsteilnehmer. Ähnliches gelte für ältere Menschen, die sich oft mit der Einsicht schwertun, dass Visusprobleme, eingeschränktes Dämmerungssehen und kognitive Verlangsamung die freie Fahrt für freie Bürger mitunter einschränken.

Was die Fahrtüchtigkeit beeinflusst

  • ZNS-Erkrankungen (z.B. Epilepsie, M. Parkinson, Demenz)
  • Diabetes mellitus mit der Gefahr einer Hypoglykämie
  • Schlafapnoe („Sekundenschlaf“)
  • psychiatrische Erkrankung (z.B. akute Manie, Suizidalität)
  • kardiologische Erkrankungen mit Herzrhythmusstörungen
  • Medikamentenmissbrauch, -überdosierung, -unterdosierung
  • Drogen- oder Alkoholabhängigkeit
  • Multimorbidität

Ärzte müssen Leitlinien kennen und besser honoriert werden

„Um diese Patienten zu detektieren gilt es, die verkehrsmedizinische Kompetenz aller Ärzte zu verbessern“, mahnen Prof. Püschel und Kollegen. Die seit Jahrzehnten aufgestellten Leitlinien zur Fahreignung – zum Beispiel die „Begutachtungsleitlinien zur Kraftfahreignung“ – müssten in der Ärzteschaft bekannter gemacht und in der Praxis umgesetzt werden. Und der Experte fordert eine weitere Maßnahme, damit Arzt und Patient häufiger über diese kritischen Themen reden: Es müsse endlich entsprechende finanzielle Anreizsysteme und Abrechnungsmöglichkeiten für Ärztinnen und Ärzte geben.

Quelle: Püschel K et al. Hamburger Ärzteblatt 2018; 72: 28-29