Hepatitis C: Mehr Diagnostik benötigt, um den Virus in Europa auszulöschen

Autor: Friederike Klein

Weitläufigere Screenings sollen Europa im Kampf gegen das Virus helfen. © iStock.com/jarun011

Die absoluten Fallzahlen von Hepatitis-C-Neu­diagnosen sinken zwar in Deutschland seit 2004 immer weiter. Doch die Dunkelziffer ist hoch und das Ziel der Eradikation noch weit entfernt.

Auf dem Weg zur optimalen Therapie gegen das Hepatitis-C-Virus (HCV) sei das „Perfectovir“ praktisch erreicht, findet Professor Dr. Tim Zimmermann­ von der I. Medizinischen Klinik der Universitätsmedizin Mainz, einer der Koordinatoren der aktuell publizierten S3-Leitlinie Hepatitis C. Ihr mangelt es aber bereits bei Erscheinen an Aktualität, gab er zu. Denn seit der Konsentierung kamen diverse Präparate neu dazu und empfohlene Therapieregime sind damit schon wieder hinfällig.

Den Standard 2018 machen laut Prof. Zimmermann fünf Präparate aus, die je nach Virustyp bei bis zu 100 % der Patienten eine anhaltende Viruseradikation mit Nebenwirkungen auf Placeboniveau ermöglichen. Bei der Wahl der Therapie gilt es, Folgendes zu beachten:

  • Hat schon eine Vorbehandlung mit direkt antiviral wirkenden Substanzen stattgefunden?
  • Liegt eine Zirrhose vor, kompensiert/dekompensiert?
  • Besteht eine Niereninsuffizienz mit einer glomerulären Filtrationsrate (GFR) < 30 ml/min?
  • Welche Begleitmedikation erfolgt?
  • Welcher Genotyp liegt vor?

Wenn eine erste Therapie doch einmal versagt, steht seit Sommer 2017 die Dreifachkombination Sofosbuvir/Velpatasvir/Voxilaprevir (SOF/VEL/VOX) zur Retherapie zur Verfügung, bei der man keine Resistenz­analyse mehr braucht.

Sind die Viren weg, bleiben die Komplikationen

So wirksam die aktuelle, interferon-freie HCV-Therapie ist – wenn sie zu spät erfolgt, führen bereits etablierte Komplikationen wie Leberzirrhose und Leberzellkarzinom (hepatozelluläres Karzinom, HCC) auch nach Erreichen einer anhaltenden Virus­eradikation zu einer hohen Mortalität. Die frühe Diagnose der Infektion hat deshalb nicht nur Bedeutung, um die Ansteckung weiterer Personen zu verhindern, sondern auch, um Komplikationen zu vermeiden. Seit 2004 zeigt sich ein abnehmender Trend der absoluten Fallzahlen von erstdia­gnostizierter Hepatitis C. Die Dunkelziffer wird aber auf 100 000 bis 200 000 Fälle geschätzt. Laut Professor Dr. ­Christoph Sarrazin vom Leberzentrum im St. Josefs-Hospital in Wiesbaden lässt sich damit das Ziel, die Hepatitis C in Europa zu eradizieren, nicht in absehbarer Zeit erreichen. „Da muss was geschehen“, betonte er.

Experten streben eine Verdoppelung der aktuellen Diagnoserate durch vermehrtes Screening an. Die Leitlinie listet dezidiert potenzielle Zielgruppen für ein HCV-Screening auf (s. Kasten). Darüber hinaus sollte jeder, der eine solche Untersuchung wünscht, sie bekommen können.

Wen screenen?

  • Patienten mit erhöhten Transaminasen oder klinischen Zeichen einer Hepatitis/chronischen Lebererkrankung oder eines HCC
  • Empfänger von Blut, Blutprodukten und Transplantaten (vor 1992)
  • Hämodialyse-Patienten naktive und ehemalige intravenöse oder intranasale Drogennutzer
  • Insassen von Justizvollzugsanstalten
  • Personen mit Tätowierungen oder Piercings
  • Menschen mit HIV- oder HBV-Infektion
  • Haushaltsangehörige oder Sexualpartner HCV-Infizierter
  • Personen mit Hochrisiko-Sexualpraktiken und sexuell übertragenen Krankheiten
  • Menschen mit Migrationshintergrund aus Regionen mit erhöhter HCV-Infektionsrate
  • Personen mit beruflich bedingtem Infektionsrisiko
  • Blut-, Organ- und Gewebespender

Eine Therapieempfehlung besteht für alle mit einer HCV-Diagnose, betonte Prof. Sarrazin. Einzige absolute Kontraindikationen stellen wegen der mangelnden Datenlage Schwangerschaft und Stillzeit dar. Sogar bei einem HCC besteht eine Indikation bei kurativem Ansatz der Krebstherapie. Ob dies vor, während oder nach der onkologischen Versorgung erfolgen sollte, bleibt bislang unklar.

Es gibt Hinweise, dass die anhaltende Viruseradikation bei HCV-Therapie nach der HCC-Behandlung höher liegt und moderne, direkt antiviral wirkende Substanzen die HCC-Rezidivhäufigkeit senken können. Auch eine bestehende Suchterkrankung gilt nicht als Kontraindikation, lediglich bei unkontrolliertem Drogenkonsum empfahl Prof. Sarrazin eine gewisse Zurückhaltung. Idealerweise sollten Substitutionspatienten die HCV-Therapie von ihrem Substitutionsarzt erhalten – das erhöht die Erfolgswahrscheinlichkeit deutlich.

Quelle: Kongressbericht, Viszeralmedizin 2018