Kompressionssyndrome bei Musikern gehören in der Ambulanz zum Alltag

Autor: Dr. Alexandra Bischoff

Meist trifft's die Streicher und besonders „beliebt“ ist dabei das Karpaltunnelsyndrom. © fotolia/TANABOON; fotolia/Artem Furman

Stress, intensives Üben und ungünstige Haltung machen den Nerven professioneller Musiker das Leben schwer. Kommt es zu neurologischen Beeinträchtigungen, ist schnelle Hilfe gefragt.

Jeder fünfte Patient, der sich in einer Musikerambulanz vorstellt, leidet an einem Nervenkompressionssyndrom. Für die Betroffenen bedeutet das eine ernsthafte Bedrohung ihrer Existenzgrundlage. Denn schon kleinste Einbußen neurologischer Funktionen sind meist direkt zu hören, schreiben Professor Dr. Eckart Altenmüller vom Institut für Musikphysiologie und Musiker-Medizin, Hannover, und Professor Dr. Hans-Christian Jabusch von der Hochschule für Musik Carl Maria von Weber, Dresden.

Und minimale Einschränkungen der Leitgeschwindigkeit genügen, um die erreichbare Maximalgeschwindigkeit zu reduzieren. Die damit einhergehende abnorme Ermüdbarkeit der Muskulatur erschwert das Spielen langer, lauter und schneller Passagen eines Musikstücks.

Ein Nervenkompressionssyndrom entsteht durch mechanischen Druck auf einen Nerv an einer anatomisch vorgegebenen Engstelle – z.B. durch Schwellungen, Entzündungen oder Narbengewebe. Meistens trifft es die Streicher, seltener Tasten- oder Blasmusiker. Große Bedeutung haben dabei die spezielle Spielhaltung (z.B. Hyperflexion des Hand- und Ellbogengelenks) und eine übermäßig angespannte Muskulatur.

In ihrer langjährigen Praxistätigkeit sahen die beiden Musikerärzte besonders häufig Kompressionen des N. medianus und N. ulnaris, das Thoracic-outlet-Syndrom sowie Einengungen der Fingernerven. Die Diagnose lässt sich meist problemlos anhand einer genauen Anamnese und klinischen Untersuchung sowie elektroneurographisch und -myographisch (ggf. auch angiographisch) stellen. Durch ihre lange Erfahrung mit den sensiblen Patienten wissen die Experten, was Sie in der Praxis berücksichtigen sollten:

  • Die Beschwerden lassen sich oft nicht durch herkömmliche neurologische Untersuchungsmethoden objektivieren. Musiker besitzen aber generell eine gute und reflektierte Körperwahrnehmung, daher sollte man ihr Klagen ernst nehmen.
  • Die Instrumentenergonomie trägt häufig zu den Symptomen bei. Beobachten Sie daher den Patienten auch beim Spielen. Außerdem können die Betroffenen meist genau erklären, bei welchen Bewegungen welche Beschwerden auftreten. Mit guter neurologischer Grundkenntnis lässt sich so die Diagnose leicht stellen.
  • Erkrankungen, die ihre musikalischen Fertigkeiten bedrohen, lösen bei Musikern neben einem starken Leidensdruck auch große Ängste aus.

In der Regel sprechen Nervenkompressionssyndrome gut auf eine konservative Behandlung (z.B. Haltungsumstellung, Anpassung der Übestrategien) an. Bleibt die Verbesserung aus, ist der Vorteil einer Operation entsprechend abzuwägen, bevor z.B. Einschränkungen bei anhaltender Parese ins Bewegungsgedächtnis übergehen.

Die Liste der Nervenkompressionssyndrome bei Musikern führt das Karpaltunnelsyndrom an. Frauen erkranken in der Regel 3- bis 4-mal häufiger. Besonders gefährdet sind Spieler, die durch lange Überstreckung/-beugung hohen Druck im Karpalkanal aufbauen, z.B. Bratschisten oder Gitarristen. Das Karpaltunnelsyndrom beginnt mit kribbelnden oder nadelstichartigen Missempfindungen, die sich typischerweise „ausschütteln“ lassen, sowie feinmotorischen Einbußen. Die überwiegend nachts und bei fixierter Beuge- oder Streckstellung der Hand auftretenden Beschwerden können vom Innervationsgebiet des N. medianus bis zur Schulter reichen.

Eine Ulnarisneuropathie am Ellbogen äußert sich wie im Fallbeispiel (s. Kasten) durch Missempfindungen und Schmerzen im Kleinfinger, im ulnaren Ringfinger sowie im Bereich der ulnaren Handpartie bei Hyperflexion des Ellbogens. Im fortgeschrittenen Stadium kommt es zur Sensibilitätsminderung mit Parese und Atrophie. Die Erkrankung betrifft überwiegend die linke Hand von Streichern, die durch das Greifen der Saiten (mit Vibrato) stark belastet wird.

Mit den Nerven am Ende

Eine 18-jährige Violinistin will sich mit einem anspruchsvollen Stück bei der Aufnahmeprüfung der Musikhochschule präsentieren. Nach Wochen des intensiven Übens bemerkt sie während des Spiels Kribbelparästhesien und Schmerzen im linken Klein- und Ringfinger, die später in ein anhaltendes Taubheitsgefühl übergehen. Hinzu kommt eine enorme Ermüdbarkeit der Fingerspreizung. Die diagnostizierte Ulnarisneuropathie klingt unter einer konservativen Behandlung mit Haltungsumstellung und Tragen einer gepolsterten Ellbogenschiene nachts innerhalb von zwei Monaten ab.

Schwere Instrumente gehen auf die Schultern

Das Thoracic-outlet-Syndrom entsteht entweder infolge einer Kompression des unteren Armplexus (neuropathisch) oder der A. subclavia (vaskulär). Betroffene fallen häufig durch hängende Schultern auf und berichten über lage- und belastungsabhängige Schmerzen und Parästhesien am ulnaren Unterarm. Parallel dazu klagen viele über Beschwerden im Bereich des Schulterblatts. Insbesondere das lange Halten eines schweren Instruments und ausgeprägte Schulterverspannungen können die Erkrankung triggern.

Quelle: Altenmüller E, Jabusch H-C. Nervenheilkunde 2018; 37: 657-665