Methamphetamin wird bei jungen Frauen immer beliebter

Autor: Michael Brendler

Der Entzug kann sieben Monate dauern. © iStock.com/kaarsten

Crystal Meth zählt zu den am häufigsten konsumierten illegalen Drogen – und die Zahl der Abhängigen steigt unaufhaltsam. Das Suchtpotenzial ist hoch, der regelmäßige Gebrauch zerstört Körper und Psyche.

Schon die Soldaten im Zweiten Weltkrieg konnten Methamphetamin viel zu oft nicht widerstehen. Damals sollte es den Soldaten vor allem Angst und Müdigkeit nehmen. Euphorie, die Steigerung der Leistungsfähigkeit und eine Abnahme von Durst- und Hungergefühl waren den Soldaten ebenfalls willkommen.

Inzwischen wird derselbe Wirkstoff unter dem Namen Crystal Meth in großem Stil vor allem in Süd- und Osteuropa zusammengemengt – und verführt heute mit seiner psychotropen Wirkung noch viel mehr Menschen. Rund 0,6 % der Deutschen haben die Droge schon einmal als Tablette geschluckt oder als kristallines Pulver geschnupft oder geraucht, um beispielsweise die Nacht in der Disco durchzutanzen oder sich sexuell zu stimulieren. Besonders anfällig für die Droge sind Personen mit eher niedrigem Bildungs- oder Beschäftigungsniveau.

Wirkt zentral und peripher

Methamphetamin führt zu einer Ausschüttung von Noradrenalin und Dopamin aus präsynaptischen Vesikeln. Gleichzeitig wird die Wiederaufnahme gehemmt. Es wirkt außer im zentralen Nervensystem auch in der Körperperipherie und hat darüber sympathomimetische Effekte.

Während die zentralen Prozesse in erster Linie dopaminerg ablaufen, wirkt die Droge in der Peripherie adrenerg. Die Wirkung ist so stark, dass sich die Konsumenten mit sogenannten Downern (Benzodiazepine, Barbiturate, Alkohol) oft erst sedieren müssen, um schlafen zu können.

Blick in den Mund kann den Abhängigen entlarven

Oft kommen zu der einen Sucht noch andere Abhängigkeiten hinzu. Es gibt auch Menschen, die Crystal nur gezielt zur Leistungssteigerung benutzen. Auch deshalb greift der Konsum inzwischen auf andere Bevölkerungsschichten über. Das Suchtpotenzial ist hoch: Das Craving, die Gier nach der nächsten Dosis, werde von den Abhängigen als besonders ausgeprägt beschrieben, erläutern Stefanie Neumann von der Psychiatrischen Klinik der Ludwig-Maximilians-Universität in München und Kollegen. Ohne Crystal Meth erleben die Süchtigen Depressionen, Antriebsstörungen und Gefühlslosigkeit.

Um diese Entzugserscheinungen zu verhindern, nehmen die Abhängigen dramatische Nebenwirkungen in Kauf. Schon der akute Rausch kann zu Halluzinationen, Panik­attacken oder Denkstörungen führen, Tachykardie und Hypertonie können sogar in den plötzlichen Herztod oder Schlaganfall münden. Beim Konsum über längere Zeit kommt in der Regel eine deutliche Verschlechterung des Ernährungs- und Allgemeinzustands hinzu. Typisch ist auch der sogenannte Meth Mouth mit Zahnfleisch­erkrankungen und Zahnverlust. Der Langzeitkonsum hat darüber hinaus kognitive Defizite, Psychosen und manische Zustandsbilder zur Folge.

Weiteres Zeichen, das auf den Konsum der Droge hindeutet, ist der sogenannte Rush, eine Mydria­sis kombiniert mit Euphorie, Logorrhö, Denkbeschleunigung und Tachykardie. Mitunter fällt auch eine erhöhte Aggressionsbereitschaft auf. Bestätigen lässt sich der Verdacht zuverlässig durch einen entsprechenden Drogenschnelltest.

Der akuten Entgiftung folgt die multimodale Langzeitentwöhnung mit den Schwerpunkten Psycho- und Sozialtherapie. Zumindest in den USA ge­hören kognitiv-verhaltenstherapeutische Maßnahmen stets dazu. Bis zu 210 Tagen kann die Therapie dauern. Für Deutschland fehlten bislang etablierte Behandlungsstandards, kritisieren die Autoren. Der Konsum nehme derzeit europaweit aber deutlich zu, gerade unter jungen Frauen. „Die Reaktionsgeschwindigkeit von Medizin, Rechtswissenschaften, Sozialer Arbeit und weiterer beteiligter Disziplinen ist dabei aber deutlich geringer.“

Quelle: Neumann S et al. internistische praxis 2018; 59: 514-523