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Schimmelpilzbelastung zwischen Allergie und Phobie

Autor: Dr. Susanne Gallus

In einigen Fällen ist es die Wohnung selbst, die ideale Lebensbedingungen schafft: durch ungenügendes Trocknen der Bausubstanz, Bauschäden oder anderweitige Wasserschäden. In einigen Fällen ist es die Wohnung selbst, die ideale Lebensbedingungen schafft: durch ungenügendes Trocknen der Bausubstanz, Bauschäden oder anderweitige Wasserschäden. © iStock/greg801
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Schimmelbestandteile kommen fast ubiquitär vor. Dennoch gibt es nur wenige Menschen, die wirklich gegen Pilze in der Schlafzimmerecke sensibilisiert sind. Drinnen sind es eher Toxine und Ko-Allergene, die den Betroffenen den Atem rauben. Draußen sieht es allerdings deutlich anders aus.

Schimmel gerät auf viele Arten in die heimischen vier Wände. In einigen Fällen ist es die Wohnung selbst, die ideale Lebensbedingungen schafft, sei es durch ungenügendes Trocknen der Bausubstanz beim Neubau, Bauschäden, durch die Nässe eindringen kann, oder anderweitige Wasserschäden. Oft tragen aber auch die Bewohner zum Befall bei, wenn sie z.B. nicht richtig lüften oder Möbel zu dicht an die Wand stellen, berichtete Dr. Sabine Kespohl vom Institut für Prävention und Arbeitsmedizin der Ruhr-Universität Bochum. Manchmal öffnen Menschen durch verdorbene Lebensmittel, schimmelnden Biomüll oder Zimmerpflanzen dem Pilz die Tür.

Es liegt was in der Luft

Luft kann Sporen und Myzel-Bruchstücke von Schimmelpilzen enthalten. Die Sporen sind mit einer Größe von 2–100 μm allerdings wesentlich kleiner (Myzel-Bruchstücke ca. 0,2-10 mm) und teilweise lungengängig. Die Luftbelastung hängt stark von Temperatur und Feuchtigkeit ab. In der Außenluft liegt sie zwischen Juni und Oktober am höchsten, wobei Cladosporium herbarum und Alternaria alternata dominieren. Innen findet man primär Penicillium und Aspergillus.

Warum aber liegt bei einem ubiquitären Schimmelvorkommen die Sensibilisierungsrate mit 2–5 % je nach Spezies so niedrig? Ein Grund dafür könnten die Hydrophobine und Beta-Glucane der Pilze sein, vermutete Dr. Kespohl. Beta-Glucane in den Zellwänden der Pilze zeigen antientzündliche, antiallergische sowie immunmodulatorische Effekte und die Hydrophobin-Schutzhülle der Sporen macht diese immunologisch inert. Anders sieht es allerdings aus, wenn diese Schutzschicht z.B. bei der Keimung verloren geht. Dann kann es zu starken Immunreaktionen kommen.

Proteasen fahren die Th2-Aktivität hoch

Schimmel in Innenräumen kann man in der Regel sehen und riechen. Doch ist er deshalb allergisch relevant? Auch wenn die Frage von Dr. Uta Rabe vom Zentrum für Allergologie und Asthma im Johanniter-Krankenhaus Treuenbrietzen provokant klingen mag, hat sie durchaus ihre Berechtigung. Bei Schimmelpilzen spielen nicht nur potenzielle Inhalationsallergene wie Sporen und Myzel gesundheitlich eine Rolle, sondern auch von den Organismen gebildete Proteasen, die als unspezifische Allergene neben den Mastzellen die Th2-Aktivität hochfahren, sowie flüchtige organische Verbindungen und Toxine. Die Konzentration der Mykotoxine reicht zwar nicht für eine akute Toxizität, für immunmodulatorische Effekte bzw. eine Mastzellaktivierung aber durchaus.

Zudem können von den Pilzen produzierte flüchtige organische Verbindungen eine hyperreagible Schleimhaut reizen. Eine solche unspezifische Irritation äußert sich beispielsweise über Reizhusten, Niesreiz, Nasenblockade oder Konjunktivitis. „Was kommt heraus? Der Patient sagt, er habe allergische Symptome“, so die Erfahrung von Dr. Rabe. Nicht vergessen dürfe man darüber hinaus die psychosomatische Wirkung, da die Pilze den charakteristischen muffigen Geruch verbreiten.

Indoor-Schimmel findet sich oft mit anderen potenziellen Allergenen gekoppelt, dazu gehören Hausstaubmilben (siehe Kasten), Bioaerosole oder Tierhaare. Allergiker erleben daher zwar häufig durch eine Schimmelexposition in Innenräumen gesundheitliche Beeinträchtigungen, aber nicht unbedingt im Sinne einer Allergie. IgE-vermittelte Schimmelpilzallergien in Innenräumen sind eine Rarität, erklärte die Kollegin. Selbst wenn Aspergillus in der Schimmelpilzecke im Schlafzimmer nachgewiesen sei, „leiden die Patienten im Allgemeinen eher an einer Milbenallergie als an einer Schimmelpilzallergie, oder sie haben Asthma und es läuft über die irritative Reizung“.

Milben lieben Pilze

Sowohl Schimmelpilze als auch Milben fühlen sich bei 15–20 °C Raumtemperatur und 75%iger Luftfeuchtigkeit am wohlsten, erklärte Dr. Kespohl. Außerdem lassen sich Milben ihre Nahrung einerseits gerne vom Schimmel vorverdauen und greifen andererseits auf die Pilzsporen und Myzelien selbst als Nahrungsquelle zurück. Bei Schimmelbefall kann folglich durchaus eine Milben-Koexposition vorliegen. Die Expertin empfiehlt zur Vorbeugung ein Raumklima mit 20–22 °C und 40–50 % Feuchtigkeit.

Anders sieht es draußen aus. „Das Problem von Schimmelpilzaller­gien im Outdoorbereich wird immer noch unterschätzt“, mahnte die Referentin. Im Außenbereich besitzt insbesondere Alternaria alternata große Relevanz. Der Pilz kommt hauptsächlich auf Getreide vor und kann ab einer Konzentration von 100 Sporen /m³ Luft IgE-vermittelte allergische Reaktionen hervorrufen. Die Sporen sind etwa 3–6 µm dick und 50 µm lang.

Gewitterasthma droht von Juli bis September

Bruchstücke können in die Bronchien gelangen und sorgen daher gerne zwischen Juli und September – Mitte Juli geht die Getreideernte los – beim sogenannten Gewitterasthma für Probleme. „Ganz typisch sieht man die Alternaria-Sporen zusammen mit Graspollen. Häufig haben die Patienten eine Allergie auf beide. Wir hyposensibilisieren dann gegen Graspollen, vergessen Alternaria alternata und wundern uns, warum die Therapie nicht funktioniert­.“

Weltweit weisen etwa 4–25 % der Patienten mit saisonalen allergischen Atemwegsbeschwerden auch eine Sensibilisierung gegen Alternaria alternata auf. Ähnliches konnte Dr. Rabe bei eigenen Patienten beobachten. 6,1 % zeigten eine Sensibilisierung und insgesamt 3,2 % hatten eine klinisch relevante und gesicherte Allergie gegen den Schimmelpilz.

Alternaria stromlinienförmig in den Bronchien

Diesen Patienten hilft eine subkutane Immuntherapie (SCIT). Die Wirkung tritt allerdings erst nach dem zweiten Behandlungsjahr ein, heißt es auch in der AWMF-Leitlinie. „Die Zeit muss man sich nehmen!“, betonte Dr. Rabe.

Das ist besonders bedeutsam, da Alternaria eine wichtige Rolle bei der Entstehung und dem Schweregrad eines Asthmas spielt, was sich durch die geringe Größe der Pollen begründen lässt, die sich stromlinienförmig in die Bronchien legen können. „Alternaria macht das Sommerasthma, nicht die Pollen.“

Ein großes generelles Problem bei Schimmelallergien bleibe allerdings, dass Qualität und Quantität der verfügbaren Allergen-Testextrakte zu wünschen übrig lassen, betonte die Referentin. Aspergillus-Extrakte verschiedener Hersteller und Chargen variieren beispielsweise in ihrem Al­lergengehalt zwischen < 1µg/ml und 345 µg/ml. Rekombinante Allergene zur spezifischen IgE-Bestimmung gibt es nur für die drei prominentesten Schimmelvertreter Aspergillus fumigatus, Alternaria alternata und Cladosporium herbarum.

Quelle: 15. Deutscher Allergiekongress