Smartwatch: Was die EKG-Funktion für die Medizin bedeutet

Autor: Prof. Dr. Lutz Heinemann

EKG per Uhr gemessen – aber was tun mit den Informationen? © iStock/AndreyPopov

Seit März können Besitzer der Apple Watch in Deutschland EKGs aufnehmen. Ärzte und Regulierungsbehörden müssen damit umgehen, dass auch medizinfremde Firmen auf den Markt drängen.

Wenn Apple als einer der weltweit größten Hersteller von Computern und Telefonen bei der Vorstellung von neuen Smartphones und anderen Produkten besonders hervorhebt, dass er eine Zulassung der amerikanischen Gesundheitsbehörde für die in der Apple Watch implementierte EKG-Messung bekommen hat, warum ist das ungewöhnlich bzw. zukunftsweisend? Die hiermit umsetzbare Überwachung der Herzfunktion ermöglicht die Ausgabe von Warnmeldungen, z.B. wenn Vorhofflimmern erkannt wird.

Neu ist, dass dies das erste EKG-Gerät ist, das direkt an den Endverbraucher verkauft wird. Um den Herzrhythmus zu messen, drückt der Benutzer seinen Finger für 30 Sekunden gegen einen Knopf auf der Uhr. Diese klassifiziert dann den Herzrhythmus und zeigt an, ob der Rhythmus normal ist oder nicht. Die Daten werden in der Health App auf dem iPhone gespeichert. Die Anwender können ihre Daten als PDF-Datei an ihren behandelnden Arzt weiterleiten.

Nutzer erhalten erstmals direkt EKG-Messergebnisse

Solch eine Überwachung und Analyse muss von den Gesundheitsbehörden genehmigt werden, da die Patienten direkt und unmittelbar mit EKG-Daten versorgt werden. Was dies nun konkret bedeutet, ist noch nicht klar – ziehen Patienten therapeutische ­Schlüsse und ändern ihre Therapie daraufhin? Die diagnostische Option birgt jedoch ein erhebliches Potenzial. Um dieses zu evaluieren, wurde eine klinische Studie an einem anerkannten Zentrum in den USA begonnen. Die Ergebnisse der „Apple Heart Study“ mit Daten von ca. 420 000 Teilnehmern wurden bisher nur bei dem Kongress des „American College of Cardiology“ vorgestellt.¹

Die durch das Gerät gewonnenen und verfügbaren Daten werden vermutlich von App-Anbietern in Form von zusätzlichen Dienstleistungen genutzt werden (z.B. Benachrichtigung bei Vorhofflimmern). Eine App könnte jedoch nicht nur den Träger benachrichtigen, sondern auch über eine Tele­medizinplattform eine Beratung mit einem Arzt initiieren. Apple versichert, alle Fragen zum Datenschutz adäquat zu handhaben. Zusammen mit den Optionen, die in der aktuellen Version des Apple-Betriebssystems implementiert sind, erleichtert Apple den Datentransfer zwischen seiner Health App und Drittanbieter-Applikationen sehr, auch hinsichtlich elektronischer Patientenakten.

Die Erfassung aussagekräftiger Daten zur Herzfunktion (und die Verfügbarkeit weiterer Daten, z.B. zur körperlichen Bewegung) in Echtzeit werden voraussichtlich die Art und Weise verändern, wie Medizin bisher praktiziert wurde. Zudem kann die Apple Watch auch Stürze des Nutzers erkennen. Wenn ein solcher bemerkt wird, sendet die Uhr eine Warnung an den Träger mit der Möglichkeit, einen Notruf zu tätigen. Wird der Nutzer nicht innerhalb von 1 Min. aktiv, startet die Uhr den Anruf automatisch.

Insgesamt wird deutlich, wie „power­ful“ Apple schon in der Medizin ist und welche Herausforderung das für die angestammte Industrie, aber auch für die Ärzte und Regulierungsbehörden bedeutet – in Europa und insbesondere in Deutschland.

Quelle:
¹ Apple Heart Study