Wann ist beim akuten Hörverlust Eile geboten?

Autor: Dr. Barbara Kreutzkamp

Um der Ursache eines akuten Hörverlustes auf die Spur zu kommen, hilft es, den Patienten ganz gezielt zu befragen. © iStock.com/Pixsooz

Der Verlust der eigenen Hörfähigkeit erzeugt bei vielen Betroffenen Ängste. In der Praxis müssen Sie entscheiden, ob es sich um einen Notfall handelt.

Bei Erwachsenen beruht ein akuter Hörverlust meist auf einer Störung der Schallleitung oder Innenohrproblemen. In der Praxis sieht man sich dann mit der Herausforderung konfrontiert, potenzielle Notfälle wie einen Hörsturz von harmlosen Ursachen abzugrenzen. Etwa wenn die Reste eines Ohrstöpsels Beschwerden verursachen.

Nimmt der Patient ototoxische Medikamente ein?

Daher ist es hilfreich, sich noch einmal die häufigsten Übeltäter für eine verminderte Hörfähigkeit ins Gedächtnis zu rufen, schreiben Dr. Jonathan­ M. Fishman, University College London Hospitals NHS Foundation Trust und Dr. Laura Cullen, Heathfielde Medical Centre London.

Der konduktive Hörverlust wird meist durch Fremdkörper ausgelöst. Aber auch eine Otitis externa oder media kann dazu führen, dass das Mittelohr den ankommenden Schall nicht richtig ins Innenohr überträgt. Als weitere Ursachen nennen die Autoren z.B. Trommelperforationen oder ein Cholesteatom.

Zu den häufigsten Auslösern des sensorineuralen Hörverlustes zählen Innenohrschäden, etwa im Rahmen der Altersschwerhörigkeit, oder ein Knalltrauma. Auf dem Schirm haben sollte man aber auch einen Morbus Ménière, Akustikusneurinom sowie Infektionen wie Meningitis, HIV und Syphilis sowie vaskuläre Ereignisse (beispielsweise einen Schlaganfall).

Um der Ursache nun auf die Spur zu kommen, hilft es, den Patienten ganz gezielt zu befragen:

  • Wann haben Sie den Hörverlust zum ersten Mal bemerkt?
  • Ist nur ein Ohr betroffen? (Hinweis auf Ménière-Krankheit)
  • Fluktuieren die Symptome? (ebenfalls Ménière)
  • Gab es besondere Umstände, die zum Hörverlust führten? Bspw. sehr laute Geräusche, ein Barotrauma, einen HNO-ärztlichen Eingriff oder Infektionen?

Hatten Verwandte ersten Grades schon in jungen Jahren mit Schwerhörigkeit zu kämpfen, kann eine genetische Ursache vorliegen, z.B. eine Otosklerose. Ein kurzer Blick in den Medikationsplan deckt mögliche medikamentöse Ursachen auf. Infrage kommen unter anderem ototoxische Effekte von Aminoglykosiden, Furosemid, Chinin oder Cisplatin. Zu guter Letzt sollte man auch nach begleitenden Symptomen fragen, so die Autoren. Typisch sind Schwindel, Tinnitus, Ohrenschmerzen oder ein Druckgefühl auf den Ohren.

Anschließend geht’s an die körperliche Untersuchung. Viele Tests kann man unkompliziert in der Hausarztpraxis durchführen. Mittels Otoskopie erkennt man z.B. Gehörgangsfremdkörper und den Zustand des Trommelfells. Ein Stimmgabeltest hilft dabei, zumindest vorläufig zwischen konduktiven und sensorineuralen Zuständen zu differenzieren. Und der Flüstertest gibt einen groben Anhaltspunkt über das Ausmaß der Schwerhörigkeit. Hört der Patient bspw. ein Flüstern in einer Entfernung von 60 cm nicht mehr, hat er vermutlich einen klinisch relevanten Hörverlust von mehr als 30 dB.

Liegen zusätzlich Schwindelsymptome vor, kann man anhand von Romberg-Test, neurologischen Untersuchungen und durch den Unterberger-Tretversuch Rückschlüsse auf vestibuläre Pathologien schließen. Bei Schwindel gilt es auch immer, an Akustikusneurinome, perilymphatische Fisteln oder akute Ischämien in Labyrinth oder Hirnstamm zu denken, so die Forscher.

Plötzlicher Schwindel ist ein Alarmsignal

Besondere Eile ist geboten, wenn sich der Schwindel im Kontext Hörminderung innerhalb der letzten drei Tage plötzlich oder kontinuierlich verschlechtert hat. Laut den Autoren muss das sofort fachärztlich abgeklärt werden (s. Kasten).

Jetzt ist sofort der Spezialist gefragt

  • Hörverlust mit plötzlichem oder sich kontinuierlich über 72 Stunden verschlechterndem Schwindel
  • Hörminderung verschlechtert sich zunehmend
  • asymmetrische/unilaterale Symptomatik mit oder ohne Tinnitus
  • bilateraler und schwerer Hörverlust (> 95 dB)
  • Begleitsymptome wie Otorrhö oder Fazialislähmungen
  • Bezug zu Schädeltraumen

Das weitere Vorgehen orientiert sich dann an der Grunderkrankung. Die kurzzeitige Gabe oraler Glukokortikoide lohnt z.B. bei idiopathischem Hörverlust. In bis zu zwei Dritteln der Fälle lassen sich die Symptome so binnen zwei Wochen in den Griff bekommen, wie verschiedene Studien zeigten. Die Autoren weisen jedoch darauf hin, dass eine robuste Evidenz zur Steroidtherapie bislang fehlt.

Patienten, bei denen sich die Probleme nicht vollständig zurückbilden, profitieren von einer Reha bzw. einer Versorgung mit Hörhilfen oder Cochlea-Implantaten. Manche empfinden auch den Kontakt zu anderen Betroffenen als hilfreich. 

Quelle: Fishman JM, Cullen L. BMJ 2018; 363: k4347