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Schadstoffe Wie Insektizide und Chemikalien Diabetes begünstigen

Autor: Dr. Karin Kreuel

Schadstoffe stellen immer noch ein großes gesundheitliches Problem dar. Schadstoffe stellen immer noch ein großes gesundheitliches Problem dar. © grimgram – stock.adobe.com
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Bestimmte Insektizide und Chemikalien in der Umwelt werden noch lange Zeit Einfluss auf die menschliche Gesundheit nehmen, auch wenn sie mittlerweile verboten sind. In zwei Studien haben Forschende den Zusammenhang solcher Schadstoffe zum Typ-2-Diabetes ­beleuchtet.

„Nach wie vor sind Luftschadstoffe ein wichtiger Umweltfaktor, dem man sich kaum entziehen kann“, sagte Dr. Kathrin­ Wolf­, Statistikerin am Helmholtz Zentrum München. Luftverschmutzung stehe weltweit an vierter Stelle der Risikofaktoren für Mortalität. Zwar sei die Belastung der Luft in Europa zuletzt deutlich gesunken. Grund zum Jubeln gebe es deshalb aber nicht.

Neueren Studien zufolge ergeben sich auch unterhalb der derzeit geltenden Grenzwerte negative Effekte für die Gesundheit, wie Forschende beispielsweise in neuen Teilauswertungen der KORA-Studie erkannten. Als besorgniserregend konstatierte die Referentin, dass schädliche ultra­feine Partikel und Ruß überhaupt nicht per Verordnungen reguliert werden.

Eine Bedrohung durch die gefährlichen Stoffe besteht insbesondere im intrauterinen Milieu, in dem beispielsweise die Entwicklung eines Typ-2-Diabetes mitbestimmt wird. Leider lässt die Erforschung der multigenerationalen Vererbbarkeit derzeit noch zu wenige Aussagen zu dieser Problematik zu, so Dr. Wolf weiter. Zudem seien Gefahrenstoffe in epidemiologischen Untersuchungen schwer von anderen Prozessen zu trennen.

So wirken Schadstoffe im menschlichen Körper

Chemikalien, die die natürliche biochemische Wirkweise von Hormonen stören, werden als endokrine Disruptoren bezeichnet. Durch ihre hormonähnliche chemische Struktur binden diese Stoffe an Hormonrezeptoren und wirken dort als Anta- oder Agonisten. Sie stören die Produktion von Hormonen – auch des Insulins – sowie die Freisetzung und den Transport von Hormonen im Blut und in die Zielzellen. Als wichtigste Expositionsquellen gelten die Landwirtschaft und die chemische Industrie. Persistente organische Schadstoffe (POP) wie Insektizide oder Chemikalien wie polychlorierte Biphenyle (PCB) können neurotoxisch sein, erklärt Prof. Rathmann. Inzwischen sind POP verboten, aber weiterhin in der Nahrungskette nachweisbar. Über Phyto- und Zooplankton gelangen sie z.B. in Fische und reichern sich beim Menschen im Fettgewebe an. Auch im Alltag vieler Menschen tauchen endokrine Disruptoren auf, beispielsweise als Konservierungsmittel von Dosen oder Bestandteile von Farben.

PCB-138 und PCB-153 korrelierten mit der Inzidenz

„Prospektive, populationsbasierte Studien zu persistenten organischen Schadstoffen (POP) und Typ-2-Dia­btes sind rar und die Ergebnisse für einzelne POP heterogen“, bemängelte auch Professor Dr. Wolfgang­ Rathmann­, Deutsches Diabetes-Zentrum Düsseldorf. Erste Daten zu den organischen Schadstoffen und der Inzidenz von Diabetes Typ 2 wurden 2019 publiziert. Anhand von Daten aus den Kohorten der KORA- und der CARLA-Studie hatten die Initiatoren insgesamt 132 Typ-2-Dia­betes-Inzidenzfälle im Vergleich zu 264 Kontrollen hinsichtlich der Zusammenhänge zu drei polychlorierten Biphenylen (PCB) sowie drei Pestiziden geprüft. Dabei waren sowohl PCB-138 als auch PCB-153 jeweils positiv mit der Inzidenz assoziiert, wobei Frauen und nicht übergewichtige Personen ein vergleichsweise höheres Erkrankungsrisiko aufwiesen. Aktuelle Daten aus KORA-FF4 gibt es zum Zusammenhang zwischen POP und neuropathischen Störungen bei älteren Personen mit oder ohne Diabetes bzw. Prä­diabetes – allerdings mit sehr kleinen Fallzahlen. Für die untersuchten PCB (138, 153 und 180) sowie für Hexachlorbenzol (HCB), β-HCB und 4,4’-DDE konnte kein erhöhtes Risiko für Nervenschädigungen nachgewiesen werden. Aus früheren Studien mit Kohorten aus der Allgemeinbevölkerung lässt sich ebenfalls nur eine geringe Evidenz für bestehende Zusammenhänge ableiten. Hohe berufliche POP-Belastungen, wie sie unter anderem in der Landwirtschaft vorkommen, scheinen aber durchaus mit Nervenschäden in Verbindung zu stehen.

Kausaler Zusammenhang nur nach wiederholter Messung

Zur Untersuchung dosisabhängiger POP-Effekte und den Auswirkungen einzelner Expositionsquellen wie Nahrungsmitteln, der Freisetzung bei Gebäudesanierungen oder Bodensedimenten sind größere prospektive Studien erforderlich, sagte Prof. Rathmann. Zudem benötige man aufgrund der Anreicherung der Schadstoffe im menschlichen Fettgewebe wiederholte POP-Messungen, um einen kausalen Zusammenhang mit der Typ-2-Diabetes-Inzidenz zu sichern. Dass ein solcher Zusammenhang bestünde, glaube er schon seit Längerem.

Quelle: Diabetes Kongress 2021