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Glaukom: Tag-Nacht-Schwankungen des Blutdrucks beeinflussen die Progression

Autor: Dr. Judith Lorenz

Die enge Abstimmung zwischen Augenärzten und Allgemeinmedizinern ist bei Glaukompatienten mit Hypertonie besonders wichtig. (Agenturfoto) Die enge Abstimmung zwischen Augenärzten und Allgemeinmedizinern ist bei Glaukompatienten mit Hypertonie besonders wichtig. (Agenturfoto) © iStock/seb_ra
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Ob und wie stark ein Glaukom voranschreitet, hängt unter anderem vom Blutdruck ab. Insbesondere Abweichungen vom physiologischen Tag-Nacht-Rhythmus fördern wohl den Krankheitsprogress.

Unter den Glaukomformen dominiert in den westlichen Industrienationen das primäre Offenwinkelglaukom inkl. seiner Vorstufe, der okkulären Hypertension. Neben Stoffwechselstörungen, Kurzsichtigkeit sowie geringer Hornhautdicke stellt eine Hypertonie den wichtigsten Risikofaktor für ein Glaukom dar, erläutern Professor Dr. Carl Erb von der Augenklinik am Wittenbergplatz in Berlin und Professor Dr. Burkhard Weisser vom Institut für Sportwissenschaft der Christian-Albrechts-Universität zu Kiel.

Eine in Folge einer Hypertonie verminderte retinale und choroidale Perfusion begünstigt das Voranschreiten der Augenerkrankung. Hinzu kommt, dass Hypertoniker häufig unter therapieinduzierten Blutdruckschwankungen leiden.

Sogenannte Dipper haben das geringste Risiko

Nächtliche Blutdruckabfälle verschlechtern z.B. infolge niedriger diastolischer Perfusionsdrücke die Sauerstoffversorgung der retinalen Ganglienzellen. Zusätzlich treten Synergismen der medikamentösen Blutdruck- und Augeninnendruckeinstellung auf. Lokale vasoaktive Antiglaukomatosa verstärken die Wirkung systemischer Anti­hypertensiva.

Angesichts dieser komplexen Zusammenhänge reichen sporadische Praxismessungen des Blutdrucks nicht aus, meinen die Experten. Sowohl bei Glaukompatienten als auch bei Risikopersonen sollte eine 24-Stunden-Blutdruckmessung zur Standarddiagnostik gehören. Ob und wie stark die Glaukomerkrankung voranschreitet, hängt nämlich unter anderem von den Blutdruck-Tag-Nacht-Schwankungen ab, erläutern die Forscher weiter.

Das geringste Risiko diesbezüglich besteht bei einer physiologischen nächtlichen Blutdruckabsenkung um 10–20 % (Dipper). Sowohl ein zu geringer (Non-Dipper: < 10 %) als auch ein zu starker (Extreme-Dipper: > 20 %) nächtlicher Blutdruckabfall fördern dagegen – auch bei gleichem Augeninnendruck – die Glaukomprogression.

Der vermeintliche Widerspruch bezüglich der Non-Dipper erklärt sich dadurch, dass diese Gruppe die besonders schweren Hypertonieformen umfasst, bei denen die normale Blutdruckvariabilität nicht mehr stattfindet, erklären die Autoren. Für die effektive Behandlung von Bluthochdruckpatienten mit Glaukom sei daher die enge Abstimmung zwischen Augenärzten und Allgemeinmedizinern bzw. Internisten essenziell.

Zur medikamentösen Blutdruckeinstellung empfehlen die Kollegen beispielsweise lang wirksame Antihypertensiva, die sich nicht negativ auf die Perfusion auswirken (z.B. Sartane, ACE-Hemmer). Trotz der aktuellen strengeren Blutdrucktherapieziele müssen starke Blutdruckschwankungen, 24-Stunden-Mittelwerte unter 120/70 mmHg sowie nächtliche Abfälle des diastolischen Drucks unter 60 mmHg vermieden werden.

Quelle: Erb C, Weisser B. Der Augenspiegel 2020; Mai: 20-24

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