Halluzinationen im Praxisalltag richtig einordnen

Autor: Dr. Elke Ruchalla/Maria Fett

Visuelle Halluzinationen haben oft eine somatische Ursache, z.B. Vergiftungen oder idiopathischer Parkinson. © iStock/Orla

Jeder Zehnte halluziniert im Laufe seines Lebens, Kinder etwas häufiger als Erwachsene. Aber handelt es sich dabei immer um ein pathologisches Phänomen? Eine detaillierte Analyse hilft, den Ursachen auf die Spur zu kommen.

Halluzinationen können prinzipiell jeden Bereich der Sinneswahrnehmung betreffen. Menschen sehen, riechen, fühlen oder hören etwas, was für andere nicht vorhanden ist. Typischerweise denkt man beim Stichwort sofort an eine Schizophrenie. Weil solche Täuschungen aber auch im Rahmen anderer Krankheiten vorkommen können, sollten Ärzte Entitäten wie Demenz, Parkinson, Epilepsie oder Drogennebenwirkungen nicht von vornherein ausschließen, schreibt Professor Dr. Daniela Hubl von der Universitätsklinik für Psychiatrie und Psychotherapie in Bern.

Sogar psychisch Gesunde halluzinieren. Die Autorin sieht die Wahrnehmungstäuschungen deshalb eher auf einem Kontinuum zwischen gesund und krank. Menschen, die längere Zeit im Dunkeln verweilen, in Einzelhaft oder lebensbedrohlichen Situationen sitzen, sich im dämmrigen Zustand zwischen Wachen und Schlafen befinden, berichten gehäuft von Halluzinationen. Bekannt sind Einschlaf- und Aufwachhalluzinationen, Täuschungen durch Fieber, starke Müdigkeit, religiöse Rituale und Meditationen. Sogar der Verlust des Lebenspartners kann eine Halluzination hervorrufen.

Sätze deuten auf Schizophrenie, einzelne Wörter auf Epilepsie

Knapp 10 % der Allgemeinbevölkerung sind mindestens einmal im Leben betroffen, geht aus einer aktuellen Metaanalyse hervor. Haupt­unterschiede zum pathologischen Pendant liegen darin, dass Gesunde die Wahrnehmungen besser kon­trollieren können und weniger von ihnen überzeugt sind als z.B. Schizophrene. Zudem wühlen sie diese emotional nicht so stark auf. Je mehr Stimmungsschwankungen Gesunde allerdings berichten und je mehr Stress sie bei ihnen verursachen, des­to stärker verschiebt sich das Kontinuum in Richtung psychiatrische Erkrankung, so Prof. Hubl. Deshalb rät sie Kollegen, ganz genau hinzuschauen, um die richtige Diagnose stellen und die entsprechende Therapie einleiten zu können.

Visuelle Halluzinationen sprechen häufig für eine somatische Ursache, z.B. Vergiftungen. Bei idiopathischem Parkinson oder der Lewy-Body-Demenz sind sie gar diagnostisch stützendes Krankheitszeichen, so die Expertin. Manchmal handelt es sich bei den Fehlwahrnehmungen auch um (Neben-)Wirkungen von Drogen oder Medikamenten. Letztlich können sogar der Verlust oder Schäden eines Sinnesorgans Halluzinationen auslösen, wenn etwa erblindete Diabetespatienten plötzlich wieder Dinge „sehen“ können.

Im Rahmen einer Schizophrenie zählen visuelle Halluzinationen zu den zweithäufigsten Sinnestäuschungen (57 %). Spitzenreiter sind mit 83 % die akustischen Sinnestäuschungen. Sie gehören zu den Kernmerkmalen der psychiatrischen Störung und imponieren „komplex“, d.h., Stimmen kommentieren den Betroffenen oder sprechen über ihn (dialogisieren). Hört ein Patient nur einzelne Wörter bzw. nimmt er diese nur selten wahr, könnten die Halluzinationen bspw. Teil eines Anfalls bei Temporallappenepilepsie sein, schreibt Prof. Hubl. Auch einfache nicht-verbale Wahrnehmungen wie Klingeln sprechen für eine andere Ursache als Schizophrenie.

Differenzialdiagnosen

  • psychiatrische Erkrankungen:
    Demenz, Delire, Psychosen, affektive Störungen, Borderline-Störung, posttraumatische Belastungsstörung
  • neurologische Erkrankungen:
    Migräne, Epilepsie, Parkinson, Schlaganfall, Enzephalitis, Schädel-Hirn-Trauma, Chorea Huntington
  • Tinnitus, Netzhautablösung, systemischer Lupus erythematodes, Elektrolytstörung
  • Nebenwirkungen, Überdosen und Intoxikationen von Medikamenten (z.B. Antiepileptika, Parkinsonmedikamente, Antidepressiva), Drogen (z.B. LSD, Kokain, Cannabis, Psilocybin), Tollkirsche, Stechapfel

Auch Glutamat scheint eine Rolle zu spielen

Akustische Halluzinationen bei Schizophrenie sprechen für eine Beteiligung des Sprachsystems. Wissenschaftler fanden u.a. heraus, dass beim Stimmenhören eine pathologische Übererregung der primären Hörrinde sowie der exekutiven und sensorischen Sprachareale des Gehirns stattfindet. Auf zellulärer Ebene scheint Glutamat als exzitatorischer Neurotransmitter eine Rolle zu spielen. Trotz einiger interessanter Vorstöße in jüngster Vergangenheit stellt die medikamentöse Therapie bis dato den Goldstandard in der Behandlung von Halluzinationen bei Schizophrenie dar. Man versucht vor allem das Zuviel an Dopamin zu drosseln, was gegen psychotische Zustände recht gut hilft.

Neuroleptika wirken bei jedem Dritten unzureichend

Klassische und atypische Neuroleptika beeinflussen darüber hinaus andere Positivsymptome wie Wahnvorstellungen, die man im Gegensatz zu Negativsymptomen und kognitiven Störungen vergleichsweise gut in den Griff bekommt. In einer großen europäischen Studie (EUFEST­) konnte gezeigt werden, dass sich das Stimmenhören binnen zwei Monaten um rund 60 % reduzierte – unabhängig vom Antipsychotikum.

Auf der anderen Seite respondieren bis zu 30 % der Behandelten nicht ausreichend auf die Medikamente. An dieser Stelle können spezifische kognitiv-verhaltenstherapeutische Verfahren weiterhelfen. Damit lässt sich zum einen das Auftreten der Halluzinationen reduzieren. Auf der anderen Seite zeigt sich ein positiver Einfluss auf die Lebensqualität der Patienten, weil auch der Stress abnimmt, der mit dem Stimmenhören einhergeht.

Persistieren die Symptome trotz Pharmako- und Psychotherapie, können invasive und nicht-invasive Elektrotherapieverfahren eingesetzt werden. Neben der tiefen Hirnstimulation diskutieren Experten vermehrt die repetitive transkranielle Magnetstimulation.

Quelle: Hubl D. Ther Umschau 2018; 75: 19-29