HPV: Impfkommission begründet den Schritt zur geschlechtsneutralen Empfehlung

Autor: Dr. Sascha Bock

Ein kleiner Pieks kann dazu führen, dass es im nächsten Jahrhundert bei beiden Geschlechtern 47 000 Karznome weniger geben wird. © fotolia/Africa Studio

HP-Viren fühlen sich im männlichen Anogenitalbereich genauso wohl wie im weiblichen. Dem trägt die ­STIKO nun Rechnung und verteilt die gesellschaftliche Verantwortung für die Prävention auf beide Geschlechter.

Pro Jahr treten in Deutschland 1600 bis 2300 HPV*-bedingte Anal-, Penis- und Oropharynxkarzinome bei Männern auf. Darüber hinaus zeigen Zahlen aus den USA: Fast jeder zweite über 24-Jährige trägt den Erreger an seinem Penis mit sich herum. Für Infektionen mit Hochrisiko-HPV-Typen liegt die Prävalenz ab diesem Alter bei 23–30 %.

Oft verschwindet das Virus spontan wieder, ohne dass Betroffene den Befall überhaupt gemerkt haben. Ein Karzinom als Folge der Persis­tenz entwickelt sich selten. Da es in der sexuell aktiven Bevölkerung jedoch sehr häufig zu einer Infektion kommt – die meisten stecken sich mindestens einmal im Leben an –, sorgen HPV-assoziierte Tumoren für eine relevante Krankheitslast. Und eben diese gilt es, durch die neue geschlechtsneutrale Impfempfehlung für 9–14-Jährige zu senken (s. Kasten).

Schutz für alle!

Die STIKO empfiehlt die HPV-Impfung ab sofort geschlechtsneutral im Alter von 9 bis 14 Jahren – am besten vor dem ersten Sex. Analog zu den Mädchen erhalten Jungen zwei Vakzinierungen im Abstand von mindestens fünf Monaten. Verpasste Injektionen sollten spätestens mit 17 Jahren nachgeholt werden. Erfolgt die erste Impfung im Alter von 15 oder älter, sind insgesamt drei Dosen notwendig.

Die Vakzinierung für Jungen ermöglicht im Sinne der Geschlechter­gerechtigkeit den Aufbau eines eigenen Schutzes unabhängig von der Mädchenimpfquote, heißt es in der Begründung der AG HPV der STIKO. Zudem profitieren Personen mit deutlich erhöhtem Infektionsrisiko: Jungen, die später Sex mit Männern haben, können bereits vor dem ersten Geschlechtsverkehr Antikörper aufbauen. Der Impf­kommission geht es mit der angepassten Empfehlung aber nicht nur um die Männer.

Durch die Maßnahme ließen sich einer Modellrechnung zufolge in den kommenden 100 Jahren zusätzlich 22 122 Zervixkarzinome und 25 226 andere HPV-assoziierte Tumoren bei beiden Geschlechtern verhindern – Stichwort Herdenimmunität. Für jedes Karzinom weniger (bei Frauen und Männern) müssten 246 Jungen geimpft werden, die Vakzinierung von 64 Jungs beugt einem Ausbruch von Genitalwarzen vor.

Ein derartiger protektiver Effekt setzt voraus, dass jeder vierte bis fünfte Adressat das Impf­angebot animmt und die Mädchenimpfquote auf dem mittelmäßigen Niveau von aktuell 44,6 % bei den 17-Jährigen bleibt. Würde diese Rate auf über 60 % ansteigen, fiele der Erfolg der Jungenvakzinierung aus epidemiologischer Sicht wohl geringer aus. Ein entsprechender Trend zeichnet sich bislang allerdings nicht ab.

Um die Akzeptanz der HPV-Impfung insgesamt zu erhöhen, kommt es letztlich auf Sie an! Laut einer facebookbasierten Umfrage unter Frauen zwischen 18 und 25 Jahren ist vor allem der ärztliche Rat ausschlaggebend für die Entscheidung. Folglich rät die STIKO: Bieten Sie den Schutz ungeimpften bzw. nicht vollständig geimpften Jungen möglichst bei jedem Arztbesuch an. Für die Durchführung eignet sich insbesondere die J1-Vorsorgeuntersuchung. Alternativ kommt die U11 infrage, die allerdings nicht flächendeckend angeboten wird.

*Humane Papillomviren

Quelle: AG HPV der Ständigen Impfkommission (STIKO). Epid Bull 2018; 26: 233-250