Masernvirus vernichtet einen Großteil der B-Zellen

Autor: Dr. Dorothea Ranft

Durch die Maserninfektion kommt es zu einer akuten Immunsuppression. Durch die Maserninfektion kommt es zu einer akuten Immunsuppression. © extender_01 – stock.adobe.com

Das Masernvirus greift nicht nur direkt an. Es macht Infizierte auch für andere Infektionskrankheiten anfälliger – und das über Jahre hinweg.

Weltweit verursachen Maserninfektionen mehr als 100 000 Todesfälle im Jahr – und das sind nur die direkten Folgen der Virus-Attacke. Noch gravierender dürfte sich der indirekte Einfluss auf das Immunsystem auswirken. Schließlich leiden die Erkrankten noch Jahre später an einer erhöhten Morbidität und Mortalität, wie epidemiologische Studien ergaben.

Inzwischen kennt man auch den Grund dafür: Das Masernvirus vermehrt sich in den Zellen des körpereigenen Abwehrsystems. Dadurch kommt es zu einer akuten Immunsuppression, schreibt das Team um Dr. Michael J. Mina vom Brigham and Women’s Hospital in Boston. Um die immunologischen Langzeiteffekte des Masernvirus zu erfassen, nutzten die Wissenschaftler einen speziellen Bluttest. Er kann Antikörper gegen Tausende von Epitopen nahezu sämtlicher humanpathogener Viren nachweisen.

Im Rahmen der Studie untersuchten die Forscher den Einfluss der Infektion auf das Immunsystem von 77 ungeimpften Kindern. Alle hatten sich im Rahmen eines Ausbruchs auf natürliche Weise mit Masern infiziert. Basis der Analyse waren Blutproben aus der Zeit vor der Infektion und zwei Monate danach. Das brisante Ergebnis: Die Virusinfektion hatte bis zu 70 % der Gedächtniszellen, die die Antikörper bereitstellen, vernichtet.

Hunderttausende Tote durch immunologische Amnesie

Nach einem natürlichen Kontakt mit den Pathogenen baute sich das Antikörperrepertoire zwar wieder auf. Effektiver war jedoch der vorsorgende Schutz: Gegen Masern, Mumps und Röteln geimpfte Kinder entwickelten die immunologische Amnesie nicht. Aufgrund fehlender Impfungen rechnen die Autoren mit weltweit mehreren Hunderttausend Todesfällen im Jahr allein durch die Schädigung des Immunsystems.

Quelle: Mina MJ et al. Science 2019; 366: 599-606; DOI: 10.1126/science.aay6485