Omega-3-Fettsäuren: Schützen Fischölpräparate das Herz?

Autor: Dr. Sascha Bock

In Deutschland enthalten die Kapseln verschiedene Fettsäuren. © iStock.com/Alona Siniehina

Einst überzeugten sie, dann kamen Zweifel und jetzt der vermeintliche Schlussstrich: Laut Europäischer Arzneimittel-Agentur EMA beugen Omega-3-Fettsäuren kardiovaskulären Ereignissen nicht vor. Trotzdem hält sich das Fischöl über Wasser.

Nach zwei großen randomisierten Studien und einer Metaanalyse im letzten Jahr schienen die Tage von Fischölkapseln gezählt. Die placebokontrollierte VITAL-Studie mit knapp 26 000 herzgesunden Männern und Frauen über 49 bzw. 54 Jahre zeigte, dass eine tägliche Supplementation von 1 g Omega-3-Fettsäuren weder kardiovaskuläre Ereignisse noch das Auftreten von Tumorerkrankungen verhindert. Das mediane Follow-up lag bei 5,3 Jahren.

Die ASCEND-Studie nahm ca. 15 500 Diabetiker als Kohorte ins Visier – ebenfalls ohne dokumentierte KHK, Schlaganfall oder PAVK, erklärte Professor Dr. Ulrich Laufs, Klinik und Poliklinik für Kardiologie, Universitätsklinikum Leipzig. Über eine Beobachtungszeit von 7,4 Jahren fand sich kein primärpräventiver Nutzen der Fischölkapseln im Vergleich zu Olivenöl.

„Alle dachten, das Thema wäre ein für alle Mal geklärt“

Schließlich kam eine Metaanalyse mit fast 78 000 Teilnehmern zu dem Schluss: Auch Hochrisikopatienten profitieren nicht von einer niedrig dosierten Omega-3-Einnahme (Eicosapentaensäure-Anteil 226–1800 mg/d). Die EMA reagierte im Dezember 2018. Entsprechende Präparate sind in der EU nicht länger für die Sekundärprävention nach einem Herzinfarkt zugelassen.

„Jetzt dachten wir alle, wir hätten das mit dem Fischöl ein für alle Mal geklärt“, sagte Prof. Laufs, „und dann kam die REDUCE-IT-Studie.“ Dieser Untersuchung bescheinigte der Kollege ein interessantes Design. Denn die Forscher schlossen nur Risikopatienten unter Statintherapie ein, die eine bestimmte Lipidkonstellation aufwiesen (Nüchtern-Triglyzeride 150–499 mg/dl, LDL ≤ 100 mg/dl).

Zudem erhielten die ca. 8200 Teilnehmer spezielles Fischöl in einer Dosis, die laut Prof. Laufs in dieser Form nie untersucht wurde, nämlich zweimal täglich 2 g reine Eicosapentaensäure (EPA). Auf dem europä­i­schen Markt gibt es das Präparat nicht, die hierzulande verfügbaren hoch dosierten Kapseln enthalten etwa zur Hälfte EPA.

Triglyzerid-Senkung alleine erklärt den Vorteil nicht

Die überraschende Folge des Vorgehens waren „knackig positive“ Ergebnisse. Mittels Fischöl gelang über ein medianes Follow-up von 4,9 Jahren eine 25%ige Reduktion der „major cardiovascular events“ (MACE). Um einen Infarkt, Schlaganfall oder kardiovaskulären Tod zu verhindern, müssten demnach 28 Personen das Präparat nehmen.

Diskutiert wird aktuell der zugrunde liegende Mechanismus. Dass die Triglyzerid-Senkung einen derart ausgeprägten Effekt hat, kann sich der Leipziger Kollege kaum vorstellen. Denn die Werte von Interventions- und Kontrollgruppe unterschieden sich letztlich nur um 19,7 %. Außerdem ergab sich ein Benefit unabhängig vom Ausgangs-Serumspiegel.

Eine andere Erklärung wären potenzielle antiinflammatorische Effekte der Supplementation. Die vorhandenen Daten stützen diese Hypothese allerdings nicht.

„Elegante Kontrollsubstanz, um Patienten zu vergiften“

Bleibt also Raum für kritische Stimmen, die der Vergleichs­substanz schädliche Nebenwirkungen nachsagen. Während in anderen Studien meist Olivenölpräparate verwendet werden, kamen bei REDUCE­-IT Mineralöl-Kapseln zum Einsatz. „Eine besonders elegante Methode, um Patienten durch die Kontrollsubstanz zu vergiften“, wie Professor Dr. Michael­ Böhm, Universitätsklinikum des Saarlandes, Homburg, in die Diskussion einwarf.

Auch wenn Fischölgemische in der Prävention von Herz-Kreislauf-Ereignissen das Feld räumen mussten, kämpfen sich in Zukunft wohl weitere Studien durch den Omega-3-Nebel. Derweil hat die EMA eine Reevaluation in die Wege geleitet – auf Anfrage einiger von der jüngsten Bewertung betroffener Zulassungsinhaber. Die Behörde rechnet Ende März mit Ergebnissen des zuständigen Komitees.

Vitamine aufs Abstellgleis

„Wir hängen in Deutschland ja an Vitaminen“, urteilte Prof. Laufs. Dabei wächst die Liste der Präparate mit nachweislich fehlender Wirksamkeit in der Prävention von Herz-Kreislauf-Erkrankungen immer weiter. In der VITAL-Studie scheiterte neben der Gabe von Omega-3-Fettsäuren auch die primärpräventive Vitamin-D3-Supplementation. Keinen positiven Effekt haben dem Kollegen zufolge also:

  • Vitamine B6, B12, C, D und E
  • Beta-Carotin
  • Folsäure

Quelle: 14. DGK (Deutsche Gesellschaft für Kardiologie)-Kardiologie-Update-Seminar