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Schlaganfall Was die transkranielle Gleichstromstimulation leisten kann

Autor: Maria Weiß

Transkranielle Neurostimulationen kommen heute schon bei Schlaganfallpatienten zum Einsatz – es besteht allerdings noch Forschungsbedarf. Transkranielle Neurostimulationen kommen heute schon bei Schlaganfallpatienten zum Einsatz – es besteht allerdings noch Forschungsbedarf. © iStock/undefined undefined
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Die Idee, durch eine nicht-invasive transkranielle Neuro­stimulation die Erholung des Gehirns nach einem Schlaganfall zu verbessern, klingt verlockend und mancherorts wird sie bereits umgesetzt. Mit evidenzbasiertem Handeln hat dies allerdings (noch) nichts zu tun.

Bei über der Hälfte der Schlaganfallpatienten persistieren die motorischen Defizite nach der Akutphase mal mehr, mal weniger stark ausgeprägt. Einer der Therapieansätze, um die für die Erholung notwendigen neuroplastischen Prozesse zu stärken, ist die transkranielle Gleichstromstimulation (tDCS), erklärte Privatdozent Dr. Bernhard Sehm vom Max-Planck-Institut für Kognitions- und Neurowissenschaften in Leipzig. Dabei werden auf der Kopfhaut zwei Elektroden platziert, zwischen denen ein schwacher elek­trischer Strom fließt. Die Polarität der Elektroden bestimmt den Effekt: Unter der Anode wird ein Hirnareal eher stimuliert, unter der Kathode eher gehemmt. Bei Gesunden wurde gezeigt, dass motorische und sprachbezogene Lernprozesse durch die tDCS induziert und verbessert werden können. 

Nach einem Schlaganfall geht es darum, auf der Seite der Läsion die Fazilitation zu stimulieren und auf der überaktiven kontralateralen Seite zu hemmen. Tatsächlich hat man mit der tDCS erste Erfolge verzeichnet. Bei einer Anwendung von 20 Sessions im ersten Monat nach dem Schlaganfall wurde im Folgejahr eine signifikante Besserung von Geschicklichkeit, Kraft, Sensibilität, Angst und Depression beobachtet. Zwei Metaanalysen solch kleiner Studien zeigten aber keinen sehr starken Effekt bei hoher Variabilität zwischen den Studien.

Trotz laufender Anwendungen noch Klärungsbedarf

Wahrscheinlich ist die Strategie „one fits all“ viel zu kurz gedacht, so der Experte. Jeder Schlaganfallpatient bringt andere Voraussetzungen durch die sehr komplexen Läsionen und Gehirnstrukturen mit. Dies erfordert individuelle Ansätze. Doch dafür bräuchte man zum einen ein besseres Verständnis der Wirkung der tDCS auf komplexe funktionelle Netzwerke des Gehirns, zum anderen Biomarker für die Patientenstratifizierung (z.B. EEG, MRT) sowie individualisierte Stimulationsparameter. Das heißt, man muss erst mal zurück ins Labor, betonte Dr. Sehm.

Individualisierte Stimulationsparameter hat man bereits bei gesunden Probanden getestet. Durch eine auf den einzelnen Patienten abgestimmte transkranielle Wechselstromstimulation ließen sich sehr spezifische funktionelle und topologische Effekte erzielen. Die Wirkung der tDCS auf verschiedene sensomotorische Funktionen wurde sehr differenziert bei Schlaganfallpatienten untersucht. Auch bei ihnen zeigten sich Veränderungen – allerdings nicht nur im Positiven, sondern auch im Negativen. 

Für eine generelle Empfehlung der tDCS in der Schlaganfallrehabilitation ist es somit noch zu früh, so das Fazit von Dr. Sehm, auch wenn einzelne Therapeuten und Kliniken sie bereits anbieten. Dies liege auch an der hohen Akzeptanz auf Seiten der Patienten, die die Stimulation kaum spüren und die Methode als wenig belastend empfinden.

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