Atopisches Ekzem: erst provozieren, dann eliminieren

Autor: Dr. Dorothea Ranft / Dr. Susanne Gallus

Gerade bei schwerer Neurodermitis und Nahrungsmittelallergie sollte eine Eliminationsdiät erfolgen. © wikimedia/Bernd Untiedt

Atopische Dermatitis und Nahrungsmittel­allergie: Da kann ein Zusammenhang bestehen – muss aber nicht. Bevor man also dem Patienten den Speiseplan zusammenstreicht, ist eine sorgfältige Diagnostik einschließlich oraler Provokation notwendig.

Etwa die Hälfte der Kinder mit schwerem atopischem Ekzem ist gegenüber bestimmten Nahrungsmitteln sensibilisiert. Allerdings reagieren nur 30 % von ihnen auf die Exposition mit einer Ekzemverschlechterung. Die häufigsten Auslöser solcher Reaktionen sind bei kleinen Kindern Hühnerei, Kuhmilch, Erdnüsse, Soja, Nüsse und Fisch. Bei älteren Kindern, Jugendlichen und Erwachsenen kommen auch pollenassoziierte Nahrungsmittelallergene ins Spiel.

Um die Ernährung Ihrer kleinen (und großen) Patienten unter Umständen anpassen zu können, müssen Sie zunächst Detektivarbeit leisten. Denn das auslösende Allergen will erst einmal gefunden werden. Diagnostische Basis ist eine detaillierte Anamnese plus Prick-Test und der Nachweis von spezifischen IgE-Antikörpern. Die IgE-Titerbestimmung bietet sich an, wenn Hauttests nicht möglich sind – z.B. bei Babys, Hyporeaktivität der Haut oder akuten Ekzemen im Testbereich. Sie erlaubt zudem, das Ausmaß der Sensibilisierung besser abzuschätzen. Man kann auch spezifisches IgE gegen rekombinante Allergene bestimmen, was die Spezifität erhöht.

Bei Allergikern den Test alle ein bis zwei Jahre wiederholen

Für den Nachweis nahrungsmittelbedingter Spätreaktionen ist der Atopie-Patch-Test geeignet. Bei ihm wird frisches Material aus Nahrungsmitteln verdünnt für 24 bis 48 Stunden auf nicht-ekzematöse Hautareale gegeben. Der Test kann die diagnostische Sicherheit bei Al­lergien gegenüber Kuhmilch, Eiern, Getreide und Erdnüssen steigern. Für die Routineanwendung ist er allerdings nicht standardisiert.

Zum eindeutigen Nachweis einer Nahrungsmittelallergie fordern die Leitlinienautoren die placebokontrollierte doppelblinde Provokation mit dem verdächtigten Nahrungsmittel. Sie muss immer unter ärztlicher Aufsicht, in Notfallbereitschaft und gemäß der Standardprotokolle erfolgen. Zwingend erforderlich ist, dass der Patient auch nach 24 bis 48 Stunden im Hinblick auf eine Spätreaktion von erfahrenem Personal kontrolliert wird.

Bestätigt sich der Verdacht auf eine Nahrungsmittelallergie, sollten Patienten mit (mittel)schwerem atopischem Ekzem eine entsprechende Eliminationsdiät erhalten. Allerdings nicht unbegrenzt: Ob die Allergie tatsächlich fortbesteht, ist alle ein bis zwei Jahre via Provokationstest zu prüfen.

Drei Reaktionsmuster bei Neurodermitis

  • Bei der IgE-vermittelten Soforttypreaktion treten innerhalb von 2 Stunden nicht-ekzematöse Hautsymptome – Urtikaria, Angioödem, Flush, Juckreiz – auf. Möglich sind auch anaphylaktische Reaktionen, die sich gastrointestinal, respiratorisch oder kardiovaskulär manifestieren können. Manche Kinder entwickeln 6–10 Stunden nach der Sofortreaktion noch ein passageres morbilliformes Exanthem.
  • Die isolierte exzematöse Spättypreaktion ist dadurch gekennzeichnet, dass 6–48 Stunden nach dem Allergenkontakt Ekzeme an den für die Neurodermitis typischen Stellen aufflammen.
  • Bei etwa 40 % der Kinder kommt es zunächst zur Sofort- und anschließend zur Spätreaktion.

Um die Sensibilisierung gegenüber Nahrungsmitteln und die Manifestation einer Allergie und/oder eines atopischen Ekzems möglichst zu verhindern, raten die Experten, einen Säugling bis zum vierten Monat ausschließlich mit Muttermilch zu ernähren. Falls nicht gestillt werden kann, wird für Hochrisikokinder, deren Eltern oder Geschwis­ter nachweislich Allergiker sind, eine hypoallergene Formula­diät empfohlen.

Im ersten Lebensjahr abwechslungsreich füttern

Aktuelle Studien sprechen dafür, dass die frühe Einführung von Beikost im Alter von vier bis sechs Monaten einer Sensibilisierung und einer Allergie vorbeugen kann. Dies wurde unter anderem für Erdnüsse gezeigt. Epidemiologische Studien ergaben zudem einen signifikanten Zusammenhang zwischen einer abwechslungsreichen Ernährung im ersten Lebensjahr und dem Schutz vor Neurodermitis. Die orale Gabe von Prä- und Probiotika, etwa Lactobacillus-Präparaten, kann aufgrund der widersprüchlichen Datenlage derzeit nicht in der Therapie des atopischen Ekzems empfohlen werden, heißt es in der Leitlinie.

Quelle: Wollenberg A et al. J Eur Acad Dermatol Venereol 2018; 32: 850-878