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Auch Psychotherapien können Nebenwirkungen haben

Autor: Friederike Klein

Am häufigsten wurden als Nebenwirkung Probleme in der Familie genannt, gefolgt von Symptomverschlechterung – „es ist alles schlimmer als gedacht“. Am häufigsten wurden als Nebenwirkung Probleme in der Familie genannt, gefolgt von Symptomverschlechterung – „es ist alles schlimmer als gedacht“. © iStock/dragana991
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Unerwünschte Ereignisse unter einer Psychotherapie fallen oft unter den Tisch, obwohl es eine ganze Reihe davon gibt. Wichtig ist aber: Es handelt sich um Geschehnisse durch eine fachgerechte Behandlung, nicht durch eine fehlerhafte.

Nebenwirkungen einer Psychotherapie erfassen zu wollen, ist schwierig, zumal Therapeuten diesbezüglich einen Wahrnehmungs- und Zuschreibungsbias, haben, sagte Professor Dr. Michael Linden von der Medizinischen Klinik mit Schwerpunkt Psychosomatik der Charité – Universitätsmedizin Berlin. Je besser die Therapie verläuft, umso mehr hat das mit ihnen selbst zu tun, schlechte Ergebnisse führen sie eher auf externe Gründe zurück – den Patienten mit eingeschlossen.

Da wundert es nicht, dass auch in Studienprotokollen die Dokumentation von Nebenwirkungen oft fehlt, wie die Gruppe um Professor Dr. Bernhard Strauss vom Institut für Psychosoziale Medizin, Psychotherapie und Psychoonkologie am Universitätsklinikum Jena herausfand. 44 % aller seit 2004 publizierten und von seinem Team ausgewerteten Studienprotokolle verzeichneten gar keine negativen Effekte und nur 34 % erfassten diese systematisch. Immerhin hatte das Interesse an den „Nebenwirkungen“ im Laufe der Zeit langsam zugenommen.

Niedergelassene Richtlinien-Psychotherapeuten wissen aber sehr wohl, dass die Psychotherapie belastend wirken und unerwünschte Folgen haben kann, wie Prof. Linden aus einer aktuellen Untersuchung berichtete. Er befragte mit seiner Arbeitsgruppe 131 dieser Kollegen (43,5 % tiefenpsychologisch Arbeitende, 55,7 % Verhaltenstherapeuten), welche Nebenwirkungen sie bei ihren Patienten sehen oder von ihnen berichtet bekommen.

Unerwünschte Ereignisse wohl bei jedem Zweiten

Drei Viertel der Therapeuten waren weiblich, das mittlere Alter lag bei 54 Jahren und im Mittel wiesen die Befragten bereits 16,7 Jahre Berufserfahrung auf. Die Studienteilnehmer berichteten intensiv über jeweils zwei von ihnen zuletzt gesehene Fälle. Anhand einer Liste (s. Kasten) wurde anschließend in einem fachlichen Interview diskutiert, welche unerwünschten Ereignisse aufgetreten waren und ob sie als Nebenwirkungen der Behandlung angesehen wurden.

Mögliche unerwünschte Ereignisse oder Nebenwirkungenim Rahmen der Psychotherapie

  • Probleme in der Krankheitsbewältigung/ in der Familie/in sonstigen Sozialbeziehungen/im Beruf
  • Sonstige Änderungen in der Lebenssituation
  • Stigmatisierung
  • Symptomverschlechterung
  • Auftreten neuer Symptome
  • Unwohlsein des Patienten in der Therapie
  • Spannungen in der therapeutischen Beziehung
  • Abhängigkeit vom Therapeuten
  • Non-Compliance des Patienten
  • Unzureichender Therapieerfolg
  • Verlängerung der Therapie
  • Missbrauch der Therapie durch den Patienten oder Dritte für sonstige Zwecke (z.B. Sozialleistungen)

Etwa die Hälfte der Patienten entwickelte nach der fachlichen Einschätzung unerwünschte Ereignisse, wobei dies gleichermaßen für die psychodynamische wie die Verhaltenstherapie galt. Von Nebenwirkungen war ein Drittel der Kranken betroffen, tendenziell mehr bei psychodynamischer (ca. 38 %) als bei Verhaltenstherapie (ca. 30 %).

Am häufigsten wurden als Nebenwirkung Probleme in der Familie genannt, gefolgt von Symptomverschlechterung – „es ist alles noch viel schlimmer als gedacht“. Besonders häufig waren Schwierigkeiten mit der Krankheitsbewältigung, berichtete Prof. Linden.

Qualität der therapeutischen Beziehung ausschlaggebend

Interessanterweise gab es bei Frauen keinen Unterschied zwischen Verhaltens- und psychodynamischer Therapie, was die Häufigkeit von Nebenwirkungen anging – sehr wohl aber bei Männern. Verhaltenstherapeuten sahen bei ihnen weniger Ereignisse als Tiefenpsychotherapeuten.

In beide Gruppen zeigte sich, dass Patienten umso mehr Nebenwirkungen berichteten, je höher ihr Bildungsgrad lag. Menschen mit Migrationshintergrund klagten deutlich seltener darüber als in Deutschland Geborene. Die Qualität der therapeutischen Beziehung war wesentlich dafür, ob Nebenwirkungen auftraten. Insbesondere in Verhaltenstherapien lag bei ungüns­tiger Beurteilung der Zusammenarbeit die Rate sehr viel höher als bei einem guten Verhältnis.

Die Studie zeigt, dass Nebenwirkungen der Psychotherapie etwas Alltägliches sind und von den Therapeuten wahrgenommen werden, betonte Prof. Linden. Möglicherweise könne die Erkennungsrate aber noch verbessert werden.

Quelle: DGPPN*-Kongress 2020 – digital
*Deutsche Gesellschaft für Psychiatrie und Psychotherapie, Psychosomatik und Nervenheilkunde

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