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Benigne Multiple Sklerose häufiger als gedacht

Autor: Birgit Maronde

Man muss nicht jeden Patienten reflexartig auf ein Immuntherapeutikum setzen. Man muss nicht jeden Patienten reflexartig auf ein Immuntherapeutikum setzen. © iStock/koto_feja
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Und es gibt sie doch, die benigne MS. Einer britischen Studie zufolge erleidet mindestens jeder fünfte Patient nur ein einziges MS-typisches Ereignis. Eine Dauertherapie wäre bei ihnen fehl am Platz.

So eine Studie kann eigentlich nur aus England kommen, meinte Professor Dr. Volker­ Limmroth­ vom Klinikum Köln Merheim. 30 Jahre lang wurden Patienten beobachtet, bei denen man in den Jahren 1984–1987 ein CIS diagnostiziert hatte. In regelmäßigen Abständen erfolgten klinische und kernspintomographische Kontrollen.

Jeder dritte CIS-Patient entwickelte keine MS

Die Beurteilung der MS erfolgte anhand der McDonald-Kriterien von 2010. Am Ende des Untersuchungszeitraums konnten die Daten von 120 Patienten ausgewertet werden.

  • 91 von ihnen waren noch am Leben, 29 bereits verstorben (16 an Komplikationen einer fortgeschrittenen MS).
  • Bei 61 der 91 Überlebenden hatte man im Verlauf die Diagnose MS stellen können. Nach 30 Jahren lag in 35 Fällen eine RRMS, in 26 eine SPMS vor.
  • 32 RRMS-Patienten wiesen auch nach drei Jahrzehnten noch EDSS-Werte von ≤ 3,5 auf, was für einen stabilen, gutartigen Verlauf der Erkrankung spricht.
  • In 30 Fällen war es bei dem einmaligen CIS-Ereignis geblieben. Zehn weitere CIS-Patienten waren im Beobachtungszeitraum verstorben, ohne dass sich an ihrer Diagnose etwas geändert hatte.

Die Daten sprechen dafür, dass jeder dritte CIS-Patient keine MS entwickelt, so Prof. Limmroth. Selbst wenn man die verstorbenen 29 Personen alle als MS-Patienten werten und zu den 91 Überlebenden hinzurechnen würde, käme man auf 25 % CIS-Patienten, die über 30 Jahre ohne weitere Krankheitsaktivität blieben.

Er wertete diese Zahlen als ein wenig überraschend. Schließlich sei man davon ausgegangen, dass eine gutartige MS nur in relativ geringem Ausmaß exis­tiere. „Natürlich, es ist eine kleine Kohorte“, räumte Prof. Limmroth ein. „Aber die wurde sehr solide untersucht.“

Den Einfluss der MS-Therapie auf die Resultate erachtet der Kölner Neurologe als eher gering. Wer England gut kenne, wisse, dass die Briten in den letzten 30 Jahren gegenüber vielen Substanzen immer sehr skeptisch gewesen seien. „Die Betreuung von MS-Patienten war da sicher über viele Jahre nicht optimal.“

Sein Fazit aus der Studie für die eigenen Therapieentscheidungen? In seinem Skript zum Vortrag heißt es: „Man muss nicht reflexartig jeden Patienten sofort auf ein Immuntherapeutikum setzen.“ Bei jedem dritten bis fünften Patienten sei möglicherweise gar keine Dauertherapie nötig.

Quelle: 12. Neurologie-Update-Seminar (Online-Veranstaltung)


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